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Einführung in die allgemeine Erratik


Während meiner über 30jährigen Tätigkeit, auf Vortragsreisen in Deutschland und im Ausland, aber auch in meiner Praxis am Institut in Berlin habe ich immer wieder ganz und gar unterschiedliche Meinungen über das Wesen der Erratik gehört, von Menschen aller Bildungsgrade. Dabei spuken die abenteuerlichsten und skurrilsten Vorstellungen über das Wesen der Erratik und dem Umgang mit ihr in den Köpfen dieser Mitmenschen herum. Manche scheinen Magie und Zauberei zu meinen, wenn sie Erratik denken sollten. So wird unter anderem oft tatsächlich geglaubt, dass mit den Illusionstricks der Statistik, den Flexionspotentialen der Dialektik oder der Chaos-Theorie die Bereiche der verwirrend wissenschaftlichen Disziplinen bereits ausreichend abgedeckt sind. Andere wiederum glauben an eine Unterjochung der Logik durch den Erratiker in einem Zustand, in welchem Menschen ihrer Orientierung beraubt werden, um ein sensationshungriges Kollegium aus Schadenfreude zum Lachen zu bringen. Vielfach ist auch die Ansicht verbreitet, die Erratik sei eine gefährliche Sache, besteht doch die Möglichkeit, dass sie in die falschen Hände geriete, dass erratische Erkenntnisse und Techniken missbraucht werden, um Persönlichkeitsveränderungen herbeizuführen und Unwissende zu Verbrechen anzustiften.

Das alles ist selbstverständlich blanker Unsinn. Zugegeben: Wo wissenschaftliche Forschung zu neuen Erkentnissen führt, sind Ausbeuter und Trittbrettfahrer nicht weit, und manch großes Werk wurde diskreditiert durch zwielichtige Charaktere, die unter dem Deckmantel des öffentlichen oder nationalen Interesses ihre eigenen undurchsichtigen Machenschaften betrieben. Hat etwa das Einsteinsche Äquivalenz-Prinzip auch nur einen Deut seiner makellosen Schönheit eingebüßt, als sogenannte Pragmatiker hergingen und daraus eine Atombombe entwickelten? Sicher nicht.

Es ist müßig, Aussagen über Wahrscheinlichkeiten zu treffen, ob der Erratik ein ähnliches Schicksal beschieden sein wird, ist sie in ihrer vagen Komplexität den meisten wenn schon nicht gänzlich unverständlich, so aber doch ein Rätsel, welches sich zunehmend als unlösbar darstellt. Sollte es dennoch zu Missbräuchen kommen, so ist dafür sicher nicht die Erratik verantwortlich zu machen, sondern nur die Schwächen menschlicher Ethik. Auch auf diesem Gebiet wird vorbildliche Arbeit geleistet. Das Personal am Erratik Institut Berlin ist zunächst einer strengen Auslese unterworfen und durchläuft anschließend eine ganze Reihe spezieller Schulungen, um profanen Versuchungen und anderen Ablenkungen zu widerstehen. Entsprechend begegnet es moral-ethischen Vorwürfen mit einer an Arroganz grenzenden Gelassenheit. Die erwähnten Maßnahmen sind geeignet, ein Höchstmaß an Effizienz, Originalität und Einsatzbereitschaft bei der Durchführung erratischer Untersuchungen zu gewährleisten, von denen etliche mit extremen psychischen und physischen Belastungen für das forschende Personal verbunden sind.

Die Wissenschaften der vergangenen Jahrhunderte haben eine Fülle von Informationen hervorgebracht. Das Wissen auf dem Planeten, schätzen die Informatiker, verdoppelt sich alle fünf bis sieben Jahre. In den nächsten 15 Jahren wird genausoviel geforscht und publiziert werden als in den fast zweieinhalbtausend Jahren seit Aristoteles. Jede Minute wird eine neue chemische Formel entwickelt, alle drei Minuten ein neuer physikalischer Zusammenhang ergründet, alle fünf Minuten neue medizinische Erkenntnis gewonnen. Und die Frequenz steigt noch. Trotzdem ist dem Menschen nichts unbekannter als er selbst. Immer häufiger müssen Entscheidungen ohne gründliche Vorbereitung getroffen werden oder – noch schlimmer – auf allzugroßer Datenbasis. Hier, in der Unkenntnis des Menschen von sich selbst, in seiner Verfehlung oder Orientierungslosigkeit, sowie in der infiniten Größe des Möglichen, liegen die Kräfte, aus denen sich die erratische Lehre speist, und an der ihre Anwendungen wachsen.

An dieser Stelle gilt mein Dank und meine Hochachtung allen Mitarbeitern des Erratik Instituts sowie den Freunden und Unterstützern der Organisation. Gemeinsam haben wir Unglaubliches, ja Unwahrscheinliches geleistet, und dank der dem erratischen Gedanken innewohnenden Dynamik kann ich mit stolzer Gewissheit und gutem Gewissen davon ausgehen, dass uns die Kraft des Zweifels nie verlassen wird, und dass uns auch in der Zukunft kein Mangel erwachsen wird an seltsamen Begebenheiten, unerklärlichen Zwischenfällen, verblüffenden Abweichungen und grandiosen Fehlentwicklungen.

Wenn ich eins gelernt habe, dann dies: das Wissen wird durch die Wissenschaften fragmentiert. Und: es ist falsch davon auszugehen, ein System wissenschaftlicher Gesetze sei endgültig und absolut exakt. Das Universum ist nicht nur seltsamer als wir es uns vorstellen, es ist sogar seltsamer als wir es uns vorstellen können. Und manchmal verhüllt unsere Vorstellung von der Realität diese wie ein Schleier. Dieser Schleier mag zerrissen werden von der Dynamik des erratischen Gedankens. In dieser Dynamik, in diesem Ozean erratischen Denkens sollten wir baden, sollten in ihn eintauchen, wo er am tiefsten ist und am gewaltigsten, sollten gegen seine Strudel kämpfen und von seinem Wasser trinken. Seine Fluten werden uns zur Perfektion erheben.

Heinrich Dubel in einer Rede vor Kollegen, Freunden und Mitarbeitern
Erratik Institut Berlin, im April 1995

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