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Erratische Architekturkritik –
Hinwendung zu einer wirklichen Architekturkritik



Das zentrale Anliegen jeglicher erratischen Betätigung ist die Suche nach einem Verständnis für das Abweichende, nach seiner Schönheit, und vielleicht nach einem Verständnis für das Unbekannte.

Unter der erratischen Prämisse der Simplifikation wird von Menschen gefügte, meist unbewegliche Struktur als Architektur bezeichnet. Dazu gehören Gebäude ebenso wie Straßen, Laternenmasten genau wie Reklametafeln oder Zäune. Auch sich teilweise bewegende Anlagen wie Schiffshebewerke oder Klappbrücken werden als Architektur bezeichnet.

Alles andere wird entweder als Natur oder als Ding (oder Dinge) bezeichnet. Diese fallen in die Zuständigkeit der Erratischen Naturkritik oder der Erratischen Kritik der Dinge.

Die erratische Architekturkritik ist noch keine Wissenschaft.

Wir haben oftmals die Forderung vertreten gehört, dass eine Wissenschaft über klaren und scharf definierten Grundbegriffen aufgebaut sein soll. In Wirklichkeit beginnt keine Wissenschaft mit solchen Definitionen, auch die exakteste nicht. Der richtige Anfang der wissenschaftlichen Tätigkeit besteht vielmehr in der Beschreibung von Erscheinungen, die dann weiterhin gruppiert, angeordnet und in Zusammenhänge eingetragen werden. Schon bei der Beschreibung kann man es nicht vermeiden, gewisse abstrakte Ideen auf das Material anzuwenden, die man von irgendwoher herbeiholt. Noch unentbehrlicher sind solche Ideen bei der weiteren Verarbeitung des Stoffes. Jede Idee muss zunächst ein gewisses Maß an Unbestimmtheit an sich tragen, von einer klaren Umzeichnung ihres Inhaltes kann keine Rede sein.

Sie haben also streng genommen den Charakter von Konventionen, wobei aber alles darauf ankommt, dass sie doch nicht willkürlich gewählt werden, sondern durch bedeutsame Beziehungen zum empirischen Stoffe bestimmt sind, die man zu erraten vermeint, noch ehe man sie erkennen und nachweisen kann. Es gehört also zur Idee einer Wissenschaft, erst recht zur Idee einer neuen Wissenschaft, tastend zu sich selbst zu kommen und volle Klarheit erst gegen Ende zu erreichen – oder, um mit Hegel zu sprechen: „Die Eule der Minerva beginnt erst in der Dämmerung ihren Flug.“

Als nächstes ist die erratische Architekturkritik eine psychogeografische Disziplin, also eine Wissenschaft des Ortes und der Bewegung – und damit der Vergänglichkeit.

Erratische Architekturkritik beginnt als Haltung, die sich in Beobachtung und Stellungnahme ausdrückt. Der erratische Architekturkritiker ist ein leidenschaftlicher Praktiker des Ortswechsels. Seine Sinne sind offen für die Aufteilungen der Stadt in einzelne, scharf unterscheidbare emotionale oder psychische Klimazonen, für plötzliche Stimmungswechsel auf nur wenigen Straßenmetern, für die Richtung des stärksten Gefälles (ohne Bezug auf den Höhenunterschied), der alle Spaziergänger auch ohne bestimmtes Ziel folgen müssen. Der erratische Architekturkritiker hat scharfe Sinne für den anziehenden oder abstoßenden Charakter bestimmter Orte. Beobachtet wird die Stadt, ihre Ausdehnung und Struktur, ihre Formen und Oberflächen, ihr Glanz und Funkeln, allerdings auch ihre verborgenen Winkel und Gewölbe, ihr Untergrund und ihr Inneres. Beobachtet werden Aufschriften, Schilder, Markierungen und Manifestationen kollektiver Stimmungen. Diese Beobachtungen dienen der Erforschung der genauen Beziehungen und Gesetze im urbanen Milieu und deren exakte Wirkungen auf das emotionale System oder die psychologische Verfasstheit des Individuums.

Dokumentation ist die schärfste Waffe des Architekturkritikers. Solche Dokumente – häufig Bilddokumente – werden gesammelt und in Katalogen angelegt. Optisch-geometrische Informationen über räumliche Objekte besitzen eine höhere Komplexität und Aussagekraft als numerische oder textliche Information.


Gültige Kategorien der Erratischen Architekturkritik

In einer ersten Übersicht lassen sich folgende Themenkreise oder Objektgruppen einem gültigen Bereich der Erratischen Architekturkritik zuordnen.


> Kritik der Oberfläche

Die Kritik der Oberfläche ist eine wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer wirklichen Architekturkritik. Diese Kategorie wird unterteilt in weitere Sub-Kategorien:

> Schilder und Markierungen
> Fassaden
> Gespenster
> Muster und Mäander


> Territorial- und Sicherheitsarchitektur

Zäune, Mauern, Poller, Absperrungen, Tore, Gitter, Geländer


> Ruinen und Ruinenwert-Theorie

Das Erratik Institut Berlin schreitet beispielhaft voran auf dem Weg hin zu einer wahrhaften Kritik von Architektur, deren Sprache nicht nur die Sprache der Geometrie ist, sondern auch die einer Zufälligkeit und Zerstörung, einer Ordnung des Zerfalls. (Siehe auch > Sim City – "Welthauptstadt GERMANIA")


> Gräber und Grabmale

Die Architektur des Todes – in girum imus nocte et consumimur igni


> Scientia Umbrarum – Schattenprojektion


> Hakenkreuze am Bau

Eine Zunahme von Beobachtungen und Dokumentationen von Hakenkreuzen und hakenkreuzähnlichen Formen, Mustern und Elementen in der Architektur führte zwischenzeitlich (2008) zur Einrichtung dieser Kategorie. Hier werden Dokumente zusammengefasst, die zuvor nur in den EAK-Kategorien wie der > Kritik der Oberfläche bzw. deren Unterkategorien > Muster und Mäander sowie > Schilder und Markierungen oder in der > Territorialarchitektur und - Sicherheitsarchitektur sowie in der Diziplin > Materialermüdung bzw. deren Unterkategorie > Beobachtungsgruppe Swastika) gezeigt wurden.


> Wege zu Gott

Seltsame Sakralarchitektur, komische Kirchen, beknackte Bethäuser
West-Nordost-Passage (= Leipziger Straße)
Berlin, 2004
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