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Betrachtung des Todes des Hollywoodstars James Dean unter besonderer Berücksichtigung psychodynamischer Aberrationen, die Wirkungsbereichen der Mythologie und des Aberglaubens entstammen.


"I think there is only one form of greatness for man. If a man can bridge the gap between life and death. I mean, if he can live on after he has died, then maybe he was a great man. To me the only success, the only greatness, is immortality."

––James Byron Dean, bekannt als James Dean, JimmyJimmy oder JD



Es ist 1955. Westdeutschland wird zu einem souveränen Staat, der Bundesrepublik Deutschland. Die UdSSR, Albanien, die Tschechoslowakei, Bulgarien, Ungarn, Polen, Rumänien und Ostdeutschland unterzeichnen einen 20-Jahresvertrag, der später als Warschauer Pakt bekannt wird.

Im US-Bundestaat Texas, unweit der Grenze zu Mexiko, etwa dreieinhalb Autostunden entfernt von El Paso, wird der Film Giganten (Giants) gedreht, in den Hauptrollen Elizabeth Taylor, Rock Hudson und James Dean, der nach nur zwei Filmen – Jenseits von Eden (East of Eden) und ... denn sie wissen nicht, was sie tun (Rebel without a cause) – bereits ein Super-Star ist.

Die Dreharbeiten werden mit ungeheurem Aufwand betrieben. Per Vertrag ist es James Dean untersagt, an jedwelchen Autorennen teilzunehmen. Die Produktion soll nicht durch Deans Extratouren gefährdet werden – man will verhindern, dass sich wiederholt, was bei den Arbeiten zu ...denn sie wissen nicht, was sie tun passierte, als Dean an drehfreien Tagen an Autorennen teilnahm und dabei zweimal verunglückte.

Die Stimmung am Set ist nicht gut. Dean liegt wegen seiner Disziplinlosigkeit in ständigem Streit mit dem Regisseur George Stevens und großen Teilen des Teams. Zudem herrscht zwischen Rock Hudson und seinem jungen Kollegen tiefe Abneigung. Mit Elisabeth Taylor versteht er sich dagegen gut, außerdem betrinkt er sich regelmäßig mit einem jungen Schauspieler namens Dennis Hopper, der schon in ... denn sie wissen nicht, was sie tun dabei war.

Am Labour Day, der von den Amerikanern an jedem ersten Montag im September begangen wird, hat James Dean bereits Rennluft geschnuppert, in Santa Barbara, einem Küstenort nördlich von Los Angeles. Zwei ihm wichtige Rennen (das Hansen Dam und die Torey Pines-Ausscheidung) hat er bereits verpasst. Bei seiner Rückkehr nach Texas verkündet er, dass er – sobald die Dreharbeiten beendet sind – am Carrera Americana de Mexico teilnehmen will, einem höchst abenteuerlichen Straßenrennen, das 2000 Meilen über den Pan Americana Highway führt und bei dem man praktisch schon gewonnen hat, wenn man seinen Wagen heil ans Ziel bringt. Doch dieses Rennen findet unregelmäßig statt, und für die nahe Zukunft ist keines vorgesehen. Dean kann seine Ungeduld kaum mehr zügeln und meldet sich schließlich für das Rennen in Salinas an, das am 1. Oktober 1955 auf dem dortigen Flugplatz stattfinden soll.

Edna Ferber, die Autorin des Romans Giganten, ist die erste in einer Reihe von Bekannten, die sich ahnungsvoll äußern. Die zerbrechlich wirkende Schriftstellerin ist von Dean fasziniert, findet ihn "betörend und abstoßend zugleich". Traurig sagt sie einmal zu ihm: "Ich bin sicher, dass ein Auto dein wunderbares Profil zerstören wird."

In eben dieser Zeit, im September 1955, ist Dean in einem Fernsehspot zu sehen, der im Auftrag der California Highway Patrol produziert wurde. Er warnt junge Menschen vor den Gefahren, denen sie sich durch wildes Herumrasen aussetzen.

Wir wissen, wie das Leben manchmal die Kunst imitiert. Bildnerische oder literarische Blaupausen entwickeln zuweilen eine Eigendynamik, die osmotisch in die Körperwelt hinein wirksam zu werden scheint. Aber ist es möglich, dass das Leben (oder der Tod) sich von der Fernsehwerbung beeinflussen lassen? Das Zwischenreich, das James Dean mit diesem TV-Spot betritt, wird er jedenfalls nur als Toter wieder verlassen.

Die Dreharbeiten zu Giganten sind inzwischen beendet, und James Dean ist zurück in Los Angeles. Im Schaufenster von Competition Motors in der North Vine Street in Hollywood steht ein Porsche 550 Spyder, in den sich Dean sofort verliebt und den er kauft, obwohl er bereits einen anderen Wagen, einen Lotus, angezahlt hat. Er gibt seinen Porsche Super Speedster in Zahlung, legt noch 3000 Dollar drauf und fährt mit quietschenden Reifen davon.

Zu dem Deal gehört auch Rolf Wütherich, ein junger deutscher Mechaniker, der erst vor kurzem in die USA gekommen ist. Jetzt übernimmt er exklusiv die Wartung von Deans Neuerwerbung.

Der Spyder ist direkt für den Markt der Privatrennfahrer und den Einsatz auf Rennpisten konzipiert. Er hat weder Stoßstangen noch eine Windschutzscheibe. Dean und Wütherich schaffen das Fahrzeug in die Werkstatt von George Barris, wo als erstes eine Windschutzscheibe eingebaut wird. Barris ist der King of Kustom Kars, er baut sogenannte Hot Rods und andere verrückte Kreationen (die hierzlande bekannteste dürfte wohl das Batmobil aus der Original-Fernsehserie sein). James Dean tauft den Porsche auf den Namen Little Bastard. Als kleinen Bastard haben ihn die Studiobosse zu Beginn seiner Karriere bezeichnet, er galt als aufsässig und schwierig. George Barris pinselt die Worte auf die Kühlerhaube des Porsche.

Der Wagen ist fast neu und hat nur wenige hundert Meilen auf dem Tachometer. Dean fährt die ganze Woche über wie ein Besessener durch die Gegend. Nachts kurvt er in den Hollywood Hills herum, frühmorgens donnert er die Küstenstraße hinauf und am Nachmittag übt er Hochgeschwindigkeitsbremsen und eine Technik, die Four Wheel Drift heißt, die er von einem Stuntman lernt, der später die wilden Verfolgungsjagden in French Connection drehen wird.

Stolz führt er den Wagen Freunden und Bekannten vor, aber nur wenige teilen seine Begeisterung. Bedrohliche Impulse, bad vibes oder schlechtes Karma scheinen von der Maschine auszugehen. Schon die auf die Kühlerhaube gepinselte Startnummer 130 (13+0=13) gilt als böses Omen. Freunde versuchen Dean zu überzeugen, dass etwas Schlimmes passieren wird, etwa Ursula Andress, mit der Dean ein Verhältnis hat. Sie bittet ihn, vorsichtig zu sein und auf das Rennen zu verzichten. Sie hat ein sehr schlechtes Gefühl. Henry Ginsberg, Ko-Produzent von Giganten, schickt ein Memo an das Produktionsbüro von Warner Brothers: "Wenn ihr noch irgendwas geplant habt, dann beeilt euch. So wie der Bursche fährt, hat er nicht mehr lange zu leben." Auch Alec Guiness, den Dean im Restaurant Villa Capri getroffen, zum Essen eingeladen und anschließend darauf bestanden hat, ihm seinen neuen Wagen vorzuführen, ist entsetzt und prophezeit Deans baldigen Tod. Die Schauspielerin Beverly Long sagt, mit Dean in dem Porsche zu fahren, sei wie "ein Ritt auf einem Grabstein oder wie eine Fahrt in einem Sarg – beängstigend, sehr beängstigend". Deans Freund Lew Bracker überedet ihn, eine Lebensversicherung abzuschließen und ein Testament aufzusetzen. Die Versicherung schließt er ab, zu einem Testament kommt es nicht mehr.

Ursprünglich wollte Dean den Porsche auf einem Anhänger nach Salinas transportieren, entscheidet jedoch, es sei besser, den Wagen noch etwas einzufahren. Er legt es darauf an. Etwa zwei Stunden vor dem Unfall wird er in Bakersfield von einer Streife gestopp und verwarnt, weil er mit 65 durch eine 35 Meilen-Zone rast. Sein Prominentenstatus lässt ihn davonkommen. Auf einem Rastplatz, wo Dean einen Beutel Äpfel kauft und eine Pause macht, trifft er andere Fahrer, die auf dem Weg nach Salinas sind, darunter den Sohn der Schauspielerin Barbara Hutton, Lance Reventlow. Stolz berichtet er von der phantastischen Beschleunigung des Little Bastard und von dem Zwischenfall mit der Verkehrsstreife. Er sagt: "Diesen Wagen werde ich noch sehr, sehr lange fahren." Ein Irrtum, wie sich bald herausstellen wird.

Dean fährt in westlicher Richtung, die schon sehr tiefstehende Spätnachmittagssonne scheint ihm ins Gesicht. Er beschleunigt stetig und lässt das Begleitfahrzeug, in dem die Fotografin Sandy Roth und Bill Hickman, ein befreundeter Schauspieler, sitzen, weit hinter sich. Der Porsche überquert den Polonio-Pass. Die Straße führt pfeilgerade bergab, und Dean beschleunigt auf über 85 Meilen, wie Wütherich später berichtet. Weiter vorne, an der Kreuzung der Highways 466 und 41, setzt der 23jährige Student der Wirtschaftswissenschaften Donald Turnupseed zu einem Wendemanöver an, nachdem er falsch abgebogen war. Deans letzte Worte an Wütherich, seinen deutschen Mechaniker, der mit im Wagen sitzt, sind: "Der Typ wird anhalten. Er sieht uns." Hier irrt James Dean, zum zweiten Mal an diesem Tag.

Am 30. September 1955, gegen 17.45 h (oder – nach anderen Berichten – um 17.59 h), rammt Dean seine glänzende Aluminiumkapsel in die Seite von Turnupseeds schwarz-weißem Two Door Ford Custom De Luxe Coupe. Die Fahrzeuge kollidieren mit elementarer Wucht. Dean bricht sich das Genick, sein Brustkorb wird völlig zerquetscht. Wütherich wird meterweit durch die Luft geschleudert, bricht sich den Kiefer und die Hüfte. Turnupseed bleibt bis auf ein paar Schrammen unverletzt. "Mit James Dean stirbt nicht nur eine Hollywood-Legende, sondern auch ein Idol der amerikanischen Jugend." wird ab jetzt trefflich wahnhaft getextet, denn nichts gibt bessere Schlagzeilen als der sogenannte celebrity car crash. Und nichts beendet ein Märchen von Schönheit, Sexiness und dem vermeintlich Besseren so nachhaltig wie ein wenig Blut auf der Straße.

Eigentlich ist die Geschichte hier zu Ende. "I think there is only one form of greatness for man. If a man can bridge the gap between life and death. I mean, if he can live on after he has died, then maybe he was a great man. To me the only success, the only greatness, is immortality." Eigentlich könnte die Geschichte hier zu Ende sein. Doch wo die Geschichte endet, beginnt der Mythos. Der Unfall wird für James Dean zum ultimativen Karriereschritt, und der Porsche eine Wunscherfüllungsmaschine – mit Todesantrieb – die James Dean direkt ins Reich der "unsterblichen Legenden" katapultiert. Es ist ein Rebellentraum von Übermut und Unangepasstheit, aber auch von der Macht und Schönheit jener Sexmaschine Automobil und ihrer Herrengattung Sportwagen. Autos und Tod – das Verschwinden in der Geschwindigkeit, das Todesrennen – auch hierzulande versuchen an jedem beliebigen Wochenende Dutzende junger Männer, es James Dean gleichzutun und Unsterblichkeit zu erlangen – Bemühungen, die nicht immer fruchtlos bleiben, wie ungezählte Gedenkkreuze und Blumenarrangements entlang der brandenburgischen Alleen bezeugen.


∞ Death Race

Wie alles, was irgendwann einmal irgendwelchen Stars gehört hat, besitzt auch das Porsche-Wrack einen gewissen Wert. George Barris, King of Kustom, kauft die Überreste des Porsche von der Versicherung. Angeblich zahlt er 2500 $, was eine beachtliche Summe Geldes ist für einen Haufen Schrott.Jedoch – schon 1955 sind Porsche Spyder höchst seltene Autos, insgesamt wurden überhaupt nur 90 Stück gebaut.

Kenneth Anger, der Filmemacher, der bereits vor dessen Tod eine heftige Affäre mit JimmyJimmy gehabt hatte, zahlt Barris angeblich 300 Dollar für ein Stück verbogenes Blech des Porsche. Barris rechnet sich aus, dass der Wagen ausgeschlachtet werden und der Verkauf der Ersatzteile ein gutes Geschäft sein könne. Doch Barris hat sich anscheinend mehr eingehandelt, als er ahnt. Der Porsche Spyder, oder was von ihm noch übrig ist, beginnt sofort mit seiner Terrorherrschaft. Als das Wrack in der Werkstatt vom LKW geladen wird, löst sich die Verankerung und das Teil landet auf einem Mechaniker, dessen beide Beine gebrochen werden.

Zwei Ärzte aus Los Angeles, Troy McHenry und William Eschrid, kaufen Teile des Porsche. Beide sind Hobbyrennfahrer. McHenry baut den unbeschädigten, weil im Heck angebrachten Motor des Unglücksfahrzeugs in seinen eigenen Spyder, Eschrid verwendet Teile der Antriebswelle in seinem. Beide verunglücken fast genau ein Jahr später, am 24. Oktober 1956, bei ein- und demselben Autorennen in Pomona, Kalifornien. McHenry kommt zu Tode, als sein mit dem Little Bastard-Aggregat ausgestattete Wagen gegen einen Baum rast. Eschried kommt schwerverletzt davon. Er überlebt einen mehrfachen Überschlag. Später erzählt er, es habe sich angefühlt, als ob der Wagen einen eigenen Willen gehabt hätte.

Der Spyder attackiert jeden, der in seine Nähe kommt. Ein Teenager, der in George Barris Garage einbricht, um das Lenkrad zu stehlen, schlitzt sich den Arm an verbogenem Metall auf und droht zu verbluten. Ein anderer Souvenirjäger verletzt sich, als er versucht, Stücke der blutgetränkten Polsterung zu entfernen. Ein Mann, der die beiden unbeschädigten Räder erwirbt, verunglückt innerhalb einer Woche, als beide Reifen, die er neu aufgezogen hatte, gleichzeitig platzen.

George Barris wird die Sache unheimlich und er entschließt sich, den heimgesuchten Fahrzeugrest wegzuschließen. Doch so etwas wie einen stillgelegten Geist in der Maschine wird es nicht geben. Die California Highway Patrol, durch den Fernsehspot bereits mit dem Fall assoziiert, versucht weiter, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Sie erbittet von Barris das Wrack des Porsche, um es in einer Wanderausstellung zum Thema Sicherheit im Straßenverkehr zu verwenden. Barris ist einverstanden. Er verschweißt die Türen und die losen Teile. Die ersten beiden Veranstaltungen verlaufen ohne Zwischenfälle. Der Fluch scheint gebannt. In Fresno jedoch brennt die Garage, in dem das Wrack aufbewahrt wird, sowie das angrenzende Gebäude ab. Alle Fahrzeuge werden zerstört, das Wrack aber, so man dies überhaupt sagen kann, bleibt unbeschädigt. In der folgenden Ausstellung in Sacramento stürzt der bösartige Schrott von seinem Podest, begräbt unter sich einen Jugendlichen und zerschmettert dessen Hüfte.

Es kommt noch heftiger. Die Ausstellung soll nach Salinas. Das ist East-of-Eden-Country. Hierher war James Dean unterwegs, als sein Leben endet. Auch dieses Mal wird das Fahrzeug Salinas nicht erreichen. Ein Angestellter des öffentlichen Dienstes von Kalifornien transportiert den Porsche auf einem Tieflader. Er verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug, wird aus der Fahrerkabine geschleudert und unter dem Wrack begraben, das sich von der Ladefläche losgerissen hat. Er kann nur noch tot geborgen werden. Das Wrack nimmt … ehm … keinen weiteren Schaden.

Dies alles geschieht innerhalb des Jahres 1956. In den beiden folgenden Jahren verhält sich das Wrack ruhig. Diese Ruhephase scheint etwas wie eine Entropie des Bedrohlichen einzuleiten, in welcher die Überreste des Porsche mehr und mehr zerfallen und schließlich ganz verschwinden.

1959 verursacht das Wrack einen Verkehrsunfall in Oakland, als es erneut von der Ladefläche eines LKW fällt. Dabei zerbricht es in zwei Teile. Dennoch verfährt man weiter, als sei nichts geschehen. So kann sich ein Zwischenfall ereignen, der uns schon bekannt vorkommt. Bei einer Ausstellung zum Thema Verkehrssicherheit in New Orleans bricht erneut das Podest zusammen, das Wrack zerbricht in 11 Teile. Trotzdem wandert die Ausstellung weiter, bis die Florida Highway Patrol schließlich alles zusammenpackt und mit dem Zug nach Kalifornien zurückschickt zu George Barris. Als der Transport nach einer Woche noch immer nicht angekommen ist und Barris sich nach dessen Verbleib erkundigt, weiß der Spediteur nichts weiter zu sagen, als dass die Fracht noch unterwegs sei. Sie kommt jedoch nie an. Als der Waggon schließlich im Güterterminal in Los Angeles eintrifft, ist er leer. Die Ermittlungen, die von der Spedition und Barris in Auftrag gegeben werden, bleiben ohne Ergebnis. Der fluchbeladene Porsche bleibt zwischen Miami und Los Angeles verschollen. Bis zum heutigen Tag werden angebliche Teile des Fahrzeugs gehandelt, manche davon in Form von Amuletten.

Natürlich versuchte ich herauszufinden, was – außer dem Tod James Deans – an dieser seltsamen und faszinierenden Geschichte stimmte, und was vielleicht nicht ganz den Tatsachen entsprach, indem ich zunächst damit anfing – ganz klassisch –, alle möglichen Biographien und Bücher zu lesen, die sich mit dem Fall beschäftigten, oder bei denen die Möglichkeit bestand, dass sie irgendwas zu dem Fall zu sagen hätten. Ich besuchte alle möglichen Webseiten und verschickte Emails an Leute, von denen ich annahm, dass sie zum Thema Verfluchter Porsche, Geist in der Materie etcetera etwas zu sagen hatten. Vieles ließ sich verifizieren, was wahrscheinlich der Grund ist, warum der Mythos überhaupt entstehen konnte. Zum Beispiel die beiden Ärzte, Troy McHenry und William Eschrid – es hat sie gegeben, und sie sind beide bei ein- und demselben Rennen verunglückt. Auch das Feuer in der Polizeigarage in Fresno hat es tatsächlich gegeben. Der Unfall, bei dem der LKW-Fahrer getötet wurde, hat stattgefunden. Fakt ist auch, dass das Fahrzeugwrack auf eine Safety-Driving-Promotion-Tour gegangen ist und schließlich verschwand, wobei die Möglichkeit besteht, das George Barris es hat still und leise verschwinden lassen, um endlich Ruhe zu haben, denn sicher hatten die Kosten schön längst jede Gewinnkalkulation gesprengt. Über all das gibt es Zeitungsberichte und TV-Sendungen. Was mich allerdings über diese bestätigungen der Geschichten als von Wahr oder Falsch hinaus beschäftigte, waren die "dunklen" Seiten eines solchen Mythos. Gab es so etwas wie einen Quell-Mythos?

Die Technik, mit der ich mich des Mythos Todesporsche annahm, war eine klassich erratische: ich ermittelte in alle Richtunge gleichzeitig und versuchte, die Ergebnisse, und seien sie scheinbar noch so nebensächlich, in einen sinnvollen, wenn auch akausalen und nicht-zeitlichen Zusammenhang zu setzen, ihnen also eine Bedeutung beizumessen.

Ich stieß zunächst auf eine andere tote Pop-Ikone, den Doors-Sänger Jim Morrison, auch er eine legendäre Gestalt, um deren Ende sich ebenfalls ein Mythos rankt. Jim Morrson ist fasziniert von Zahlenmystik. Ihm fällt im Zusammenhang mit James Deans Todesporsche eine Häufung der Zahl 5 auf. Und tatsächlich: Der Unfall passiert im Jahr 1955. Die Typenbezeichnung des Porsche ist Spyder 550. Von 90 insgesamt gebauten Exemplaren werden 78 ausgeliefert, und von diesen ist Little Bastard ausgerechnet das mit der Seriennummer 0055. Seine Motornummer ist 90059 – Quersumme 5.

Morrison arbeitet an einem Film- oder Theaterskript, das diese Zusammenhänge ergründen soll. Er versucht sogar, sich in den Besitz der blutgetränkten Originalbekleidung James Deans zu bringen. Die Arbeit bleibt jedoch unvollendet. Der Grund ist bekannt. Jim Morrison stirbt, unter Umständen, die bis heute ungeklärt sind.


Reste/Sammeln

Ein weiterer Schritt in einer erratischen Untersuchung ist häufig, ein Anagramm anzufertigen. Ein Anagramm ist ein Wort (oder Satz), gebildet aus den Buchstaben eines anderen Wortes (oder Satzes), aus allen diesen Buchstaben und nichts als diesen Buchstaben. Ein Anagramm ist in der Sprache (oder in einem Text) etwas, das in Mathematik und Physik als Isomorphie bezeichnet wird: eine Transformation wird durchgeführt, die Information, die das Transformat beinhaltet, wird dabei jedoch bewahrt, das heißt, die Form verändert sich, nicht aber der Wert (oder die Bedeutung). Indem ich Begriffe in Anagramme verwandele, unterziehe ich sie – bildlich gesprochen – einer Belastungsprüfung oder Materialermüdung, und manchmal (oder häufig) tritt ein zunächst verborgener Sinn zutage.

Beispiel 1 – aus dem Namen James Byron Dean ergibt sich das Anagramm many bones are JDviele Knochen sind JD.

Beispiel 2 – aus dem Begriff Porsche Spyder lassen sich folgende Anagramme erstellen:
dressy chopper = kleidsamer (Kopf-Ab-)Hacker
coppery shreds = kupferne Fetzen
shreds per copy = Fetzen pro Kopie
prophecy dress = Prophezeiungskleid
psycho spedrr = Psycho-Raser
shy creep drops = (der) schüchterne Kriecher fällt
psyche re-drops = Psycho-Rückfall = Psyche fällt zurück
sowie das nicht übersetzbare, aber schön anzusehende desphyr corpse.

Beispiel 3 – aus dem Begriff Little Bastard lässt sich zusammensetzen:
last battle rid = letzter Schlacht-Ritt oder letzte Schlacht Entledigung
tall dirt beast = großes Schmutz-Biest
all debt strait = alle Schuld glatt


Mythomatik

Erstaunlich auch eine Geschichte, auf die ich in einem Comicheft stieß, das ich zufällig auf dem Flohmarkt fand. In der Story Luger und Frieden ging es ebenfalls um im Fall des Todesporsche Spyder aufscheinende Konzept verfluchter oder gleichsam dämonisch beseelter Materie, deren unheilvolles Wirken sich noch in der Fragmentierung fortsetzt.

Die Story geht aus von einer Art Apokryphe der alt-germanischen Götterdichtung Edda, von einem fantastischen schwarzen Mythos, der allerdings nur in diesem Comic existiert. Die Rede ist von Odins Schwert, das in der Schlacht in fünf (!) Teile zerbricht. Die Bruchstücke des Schwertes werden von den Alben, also zauberkundigen Zwergen und Schmieden, eingesammelt und durch die Zeit gehütet. Diese Bruchstücke gelangen irgendwann irgendwie in die Hände reichsdeutscher Stahlbarone, die sie in je ein Muster unterschiedlicher Waffensysteme (Stuka, Tank, U-Boot, ein Geschütz, eine Walther-Pistole), so dass jedes dieser Teile zu einer Ausnahmemaschine wird, sowohl was die Lebensdauer betrifft als auch die performance. Soweit die Vorgeschichte (im Comic). Die eigentliche Handlung des Comics spielt in den späten Siebzigern, wo James-Bond-Typen und Drogengangster hinter den Resten dieser magischen Nazi-Waffen her sind. Eine irre (und wirre) Geschichte, die durch nichts zu belegen ist. Dennoch sind mögliche Assoziationen zum Mythos des Todesporsche ganz erstaunlich.

Da ist zunächst und ganz offensichtlich die Zahl 5.

Dann, schon etwas weniger augenfällig, oder nicht allgemein bekannt: Doktor Ferdinand Porsche war, neben seiner Eigenschaft als Entwickler des Volkswagens, also des Original-Käfers und des später daraus resultierenden Porsche-Sportwagens, auch an der Entwicklung militärischer Nazi-Technologie beteiligt, bis hin zum dann nicht mehr realisierten Superpanzer Maus.

Ein weiteres winziges, im Kontext unserer Mythenbetrachtung jedoch neue Bedeutung gewinnendes Fragment aus der Porsche-Geschichte schillert hier in einem grellen Licht: als der zweisitzige Porsche 1948 (der erste, der nach dem Krieg gebaut wurde) auf dem Weg zu einer Jubiläumsveranstaltung beim Umladen auf dem Chicagoer Flughafen vom Gabelstapler kippt und dabei erheblich beschädigt wird, gibt der Chef des Zuffenhausener Werksmuseums ein Statement ab, das im Zusammenhang mit dem Mythos beseelter Materie betrachtet höchst bemerkenswertes ist: "Dieses Auto kann nicht sterben." Dieser Vorfall trug sich in den 80er-Jahren zu.

Was wurde aus dem Mann an der Seite James Deans, dem Mechaniker Rolf Wütherich. Es heißt, er war im Zweiten Weltkrieg vielleicht Flugzeugmechaniker bei der Nazi-Luftwaffe, in anderen Quellen heißt es, er war Fallschirmspringer. Viel action kann er nicht gesehen haben, denn zum Zeitpunkt des Unfalls ist er erst 28, nur vier Jahre älter als James Dean. Überhaupt ist die Quellenlage nicht gerade präzise in Bezug auf das Wann? und Wo? in der Lebensgeschichte Wütherichs. Sie heißt es etwa, dass er gleich nach dem Krieg in die USA ging. Zugleich heißt es auch, er sei Mitarbeiter der Versuchsabteilung bei Porsche in Zuffenhausen bei Stuttgart gewesen. Jedenfalls scheint er ein Mann gewesen zu sein, der besonders in Bezug auf schnelle Automobile, von denen er ebenso besessen war wie James Dean, immer wieder besonderes Glück hatte. 1952 stürzte sein Wagen von einer Autobahnbrücke und explodierte auf der darunterhindurchführenden Straße. Schon damals wurde Wütherich aus dem Fahrzeug geschleudert und nur leicht verletzt. Er überschlug sich mit einem Testwagen, verunglückte mehrmals bei Rallyefarten in den französischen Alpen.

In den USA veranstaltet und fährt er Flugplatzrennen. Hier ist es auch, wo er Dean kennenlernt. Nach dem Unfall liegt Wütherich vier Tage im Koma, wo ihn Liz taylor mehrmals besucht. Nach seiner Genesung reist er weiter mit Porsche-Vorführwagen durch die USA, bildet Mechaniker und Verkäufer aus. 1958 dreht Wütherich durch, wird in eine kalifornische Nervenklinik eingewiesen und mit Elektroschocks behandelt. Anschließend kehrt er nach Deutschland zurück, wo er in psychotherapeutischer Behandlung ist und weiter für Porsche arbeitet. 1965 wird er zusammen mit seinem Freund, dem Rennfahrer Eugen Böhringer, der eiegntlich auf Mercedes fährt, Zweiter bei der Rallye Monte Carlo und Vize-Europameister. Er erhält einen Fair-Play-Preis, weil er ein Rennen unterbricht, um einem Verunglückten zu helfen. In Stuttgart eröffnet er eine Go-Kart-Bahn. Er macht Schulden, die depressionen kommen zurück. er erleidet einen Nervenzusammenbruch, kann keine Rennen mehr fahren. Der nette Draufgänger ist am Ende, versucht sich mit Tabletten umzubringen, schneidet sich die Pulsadern auf. 1967 sticht er seine vierte Ehefrau nieder, nachdem er sie vergeblich zu einem gemeinsamen Freitod hat überreden wollen. Den Abschiedsbrief hatte er bereits aufgesetzt und auch schon mit dem Namen seiner Ehefrau unterzeichnet. 14mal sticht er auf sie ein, sie überlebt. Er wird erneut eingewiesen. In einem Prozessgutachten heißt es, der Unfall mit James Dean habe Wütherichs Hirn geschädigt. Am 22. Juli 1981 meldet das Tagblatt aus Schwäbisch-Hall, wo Wütherich lebte und in einem Motorradladen arbeitete, dass Rolf Wütherich "in der Nacht zum Dienstag tödlich verunglückte. In einer langgezogenen Kurve in der Ortsmitte von Kupferzell geriet er mit seinem Honda-Personenwagen infolge überhöhter Geschwindigkeit und vermutlich alkoholischer Einwirkung – so die Polizei – ins Schleudern und nach rechts von der Fahrbahn ab. Der Wagen prallte gegen eine Hausmauer."

Bis zu seinem Tod mit 51 Jahren machen James-Dean-Fans aus aller Welt Rolf Wütherich verantwortlich für den Tod ihres Idols. An diesem Ruhm ist er wohl schließlich auch zerbrochen.

> Der Tod und James Dean 1 + 2 für Radio einszueins
Berlin FM 95.2
> Lady Diana Spencer, Princess of Wales
Baby Jimmy Dean im Alter von drei Jahren. Es sieht ganz so aus als spiele er bereits "Auto".
Rechts neben dem Porsche Modell 1948 steht Professor Ferdinand Porsche, und rechts neben Professor Porsche steht sein Sohn Ferdinand Porsche Junior, genannt "Ferry".
Szenenfotos aus Giganten,
jeweils mit Elisabeth Taylor und Fahrzeug.
Dean in seinem Porsche Super Speedster (links) und in dem Lotus (rechts), den er dann doch nicht kauft. Den Lotus legt sich später Steve McQueen zu, der von James Dean verachtet wird und der diesen dafür herzenstief hasst.
Der Porsche Sypder 550 in George Barris' Werkstatt. Gut sichtbar die frisch aufgetragene Startnummer und der Name des Wagens.
James Dean hat soeben den Little Bastard betankt und zieht sich die Handschuhe an. Im Hintergrund der Stationwagon mit dem Transportanhänger, auf dem der Porsche hätte transportiert werden können.
Unterwegs nach Salinas und bereit abzuheben.
Später wird man sagen, dass der Student Turnipseed den heranrasenden silbergrauen Porsche in der gleißenden Sonne und im Abenddunst unmöglich sehen konnte.
Nach dem Unfall
Zurück in George Barris' Lagerhaus
James Dean wird in Fairmount im US-Bundesstaat Indiana begraben, wenige Meilen entfernt von seinem Geburtsort Marion, his birthplace. 3000 Trauergäste finden sich ein, tausend mehr als Fairmont Einwohner hat.
Memorialplakette an der Kreuzung der Highways 466 und 41
In Cholame, dem winzigen Ort nahe der Kreuzung der Highways 466 (jetzt 46) und 41, stellte 1978 der japanische Geschäftsmann Seita Ohnishi eine Memorialskulptur aus rostfreiem Stahl und Beton auf. In ihrem Zentrum steht ein Baum, dem Vernehmen nach, weil die Seelen der Verstorbenen in heiligen Bäumen wohnen. Die Inschrift der Skulptur stammt von Antoine de Saint-Exupery, dem Autoren des Kleinen Prinzen. Es handelt sich hierbei angeblich um eines von James Deans Lieblingszitaten:
"What is essential is invisible to the eye."
Der frühere Senator des Staates Kalifornien und spätere Direktor des kalifornischen Erziehungs-ministeriums Jack O'Connell stellte in der Legislaturperiode 2001 das Gesetz SCR 52 vor, kraft dessen die Kreuzung des Hwy 46 mit dem Hwy 41 in James Dean Memorial Junction (= JD-Gedächtnis-Kreuzung) umbenannt werden soll. Das Gesetz wird im Jahre 2002 verabschiedet.
James-Dean-Memorial nahe Blackwell's Corner, wo Dean seinen letzten Stop vor dem Unfall hat. Hier isst er einen Apfel.
Cover des Comics Luger und Frieden
von Claevs und Nolane
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