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Die tragische Geschichte der K-Boote
oder K wie Katastrophe


Zu den bemerkenswerteren Unglücksfällen der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts zählt die Selbstversenkung der britischen U-Boot-Flotte im schottichen Firth of Forth am 31. Januar 1918, die als Schlacht von May Island in die Annalen der Militärgeschichte einging. Im Verlauf einer guten Stunde kollidierten damals sechs von neuen Riesen-Unterseebooten der sogenannten K-Klasse. Zwei sanken, über hundert Seeleute fanden den Tod.

Die Battle of May Island war der Höhepunkt einer von der britischen Admiralität ehrgeizig betriebenen militärischen Fehlentwicklung. Die Erfolge deutscher U-Boote im ersten Kriegsjahr hatten die Briten mit der bestürzenden Erkenntnis konfrontiert, dass sie selbst keine hochseetüchtigen U-Boote mit größerer Reichweite besaßen. Ein von Churchill veranlasstes Sofortprogramm zum U-Bootbau wurde in Windeseile und unter strengster Geheimhaltung realisiert, so dass bis zum Herbst 1917 die Royal Navy 15 K-Boote in Dienst stellen konnte.

Das waren nun völlig neuartige Kriegsmaschinen, konzipiert für Einsätze in den Verbänden der Grand Fleet. Damit sie bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 21 Knoten mit den Kreuzern mithalten konnten, erhielten sie neben den vier Elektromotoren für die Tauchfahrt und einem dieselgetriebenen Hilfsmotor zwei Dampfturbinen für schnelle Überwasserfahrt. Zwar war die Lösung, U-Boote mit Dampfantrieb auszustatten, was Lüftungen und Schornsteine bedeutete, in der Admiralität nicht unumstritten, aber die fixe Idee war zu mächtig, die U-Boote-Verbände in enger Kooperation mit Schlachtschiffen und Kreuzern einzusetzen. Negative Erfahrungen aus kombinierten Flotten- und U-Bootverbänden aus der Vorkriegszeit sowie die äußerst mangelhafte Tauglichkeit eines bereits fertiggestellten Prototypen wurden ignoriert. Die Admiralität träumte von einer Superwaffe gegen die kaiserliche Hochseeflotte. Mit über 115 Metern Länge, einer Wasserverdrängung von 1800 Tonnen über Wasser und 2800 Tonnen unter Wasser waren die K-Boote größer als die meisten Zerstörer. Und mit einer Geschwindigkeit von 24 Knoten, einer Reichweite von knapp 5000 Kilometern sowie ihren zehn Torpedorohren und zwei Geschützen auf Turm und Vordeck mussten sie jedem anderen U-Boot überlegen sein.

Doch schon bald erwiesen sich die K-Boote als extrem störanfällig. Explosionen und Brände während der Tauchfahrt infolge Überhitzung der Kessel nach Absperren der Lüftung waren keine Seltenheit. Oft konnten einige der zahlreichen Entlüftungen beim Tauchvorgang nicht ordnungsgemäß geschlossen werden, was zu gefährlichen Wassereinbrüchen im Kesselraum führte. Das verwendete Hydrauliköl gefror bei winterlichen Außentemperaturen. Durch die Schornsteine eindringendes Wasser löschte die Kesselfeuerung und verursachte Kurzschlüsse in der fehlerhaft isolierten Elektrik. Erreichte das Salzwasser die Batterien, setzten diese giftiges Chlorgas frei. Die Platten der Panzerung lösten sich. Daneben waren die Boote ihrer Größe und der Komplexität ihrer Einrichtung wegen nur wenig manövrierfähig. Überdies zeigten sie ein unberechenbahres Tauchverhalten. Mehr als einmal liefen sie an der schottischen Küste mit dem Bug auf Grund, wobei das Heck samt Antriebsschraube aus dem Wasser ragte, oder sie tauchten achtern zuerst ab und konnten nur mühsam getrimmt werden. Oft klemmten die hinteren Tiefenruder infolge von Verformungen der Außenhülle durch den Wasserdruck. Commander Stephen King-Hall formulierte: "Die klassische Geschichte der K-Boote war die des Kapitäns, der mit seinem Ersten Offizier im Bug telefonierte: He, Nummer Eins, mein Ende taucht, was zum Teufel macht dein Ende?" (My Naval Life 1906–29, zitiert nach Everitt 1963).

Die Tauchversuche während der Erprobungsphase kosteten Dutzende Menschenleben, und als die K-Boote trotz lauter werdender Zweifel an ihrer Seetüchtigkeit bei Operationen der Grand Fleet eingesetzt wurden, waren sie bereits als "Unterwasserhöllen" und "schwimmende Särge" berüchtigt. Die Admiralität indessen ignorierte konsequent die fatalen Neigungen ihrer neuen Lieblinge und deren vorprogrammierte Havarien.

Militärisch waren die K-Boote erfolglos. Sie hatten während des Krieges kaum Feindberührung und waren hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Wie zu erwarten gerieten die weder manövrier- noch tauchfreudigen Giganten bei Geschwaderoperationen immer häufiger auf Kollisionskurs oder wurden als vermeintlich feindliche U-Boote selbst gejagt.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nachdem das erste K-Boot bei Tauchversuchen im Gareloch gesunken war, ereignete sich die Katastrophe von May Island. Doch auch diesmal weigerte sich die Admiralität, die Lektion zu lernen. Noch lange Zeit nach Kriegsende wurden K-Boote eingesetzt, deren Kalamitäten und Havarien noch Hunderten von Seeleuten das Leben kosten sollten.

Bis in die 1960er-Jahre hinein hielt die Admiralität die Fakten über die Unglücksfälle geheim. Erst seitdem die Archive über diesen Geschichtsabschnitt geöffnet sind und Don Everitt in einem Ersten Dramatischen Bericht Zahlen und Quellen zum Thema vorlegen konnte, lässt sich die unselige Verquickung von realitätsferner Planung, blindem Optimismus und unberechenbarer Technik absehen, welche die K-Klasse zu der herausragenden Fehlleistung der Militärtechnologie werden ließ, die sie zweifelsfrei war.

Text: Johannes Kockel

Literatur: Don Everitt, The K-Boats, A Dramatic First Report on the Navy's Most Calamitous Submarines, London 1963
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