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Interview mit Lutz C. Pramann, unter der Überschrift "Banale Technik" am 13. Juni 2003 in der Wochenzeitung "Junge Welt" erschienen

"Ewigkeit, definiert der Philosoph, ist eine unbegrenzte Ausdehnung von Zeit,
worin jedes Ereignis einmal Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit ist."
––D. Taitaro Suzuki

Heinrich Dubel: Ihre Themen sind ja recht alltägliche. Das Haus, das Auto, der Hubschrauber, der Kaugummiautomat.

Lutz C. Pramann: Ich suche die Dramatik im Alltäglichen, das auch das Banale sein kann. Ein Blumenkasten ...

HD: Klingt gut. Was ist das für ein Haus?

LCP: Das steht auf Baltrum. Ich fahre da immer im Sommer hin. Ich hab diese Serie von Ferienhäusern.

HD: Sie gehen dann da spazieren und machen sich Skizzen von den Häusern? Und diese Skizzen dienen Ihnen als Vorlagen?

LCP: Genau. Baltrum ist eine der ostfriesischen Inseln, zwischen Langeoog und Norderney. Da waren auch andere Persönlichkeiten. Paul Klee etwa, oder Joseph Goebbels.

HD: Verstehe. Ich fahre auch immer auf Inseln, wo große deutsche Wissenschaftler gewesen sind und gearbeitet haben.

LCP: Auf Inseln ist das Licht besonders gesteigert, weil da das Meer drumrum ist, wie ein großer Spiegel. Das merkt man schon, wenn man dahin kommt, dass alles viel heller ist, je näher man ans Meer kommt, lange bevor man es sieht. Auf Baltrum selber ist das Licht besonders hell, auch wenn da keine Sonne scheint. Es ist immer 'ne besondere Dramatik.

HD: Ist das auch die Dramatik des Banalen?

LCP: Das ist halt 'ne Urlaubsinsel. Obwohl da gar nichts los ist. Da fahren auch keine Autos. Diese Ruhe. Da fehlt einfach was. Es ist fantastisch. Das diametrale Gegenteil von hier (Balkon der Atelierwohnung in Berlin-Friedrichshain, Warschauer Straße). Jetzt fahren auch grad keine Autos (lacht). Wenn hier Feierabendverkehr ist, sieht die Sache ganz anders aus.

HD: Wenn man die Augen schließt, könnte man quasi denken, man ist auf Baltrum.

LCP: Es ist so laut manchmal, dass man nicht die Hand vor den Augen …

HD: Jetzt zum Beispiel ist es total leise.

LCP: Selbst wenn hier gar kein Auto fährt, Sonntagnachmittag oder wenn in Kreuzberg 'ne Demo ist, ist es immer noch wesentlich lauter als auf Baltrum. Das Meeresrauschen hört man auch besser, wenn man in der Nähe vom Strand ist.

HD: Was haben Sie schon alles gemalt.

LCP: Die Hubschrauberbilder natürlich. Da hab ich jetzt noch ein zweites.

Heinrich Dubel: Malen Sie auch BMWs? Oder Personen?

LCP: Ich hab mal einen BMW gemalt. Auf der Autobahn. Von vorn, schwarz-weiß. Sah sehr bedrohlich aus.

HD: Ich seh ja hier verschiedene französische Hubschraubermodelle.

LCP: Links ist 'ne Alouette, rechts Alouette 3.

HD: Ich sehe hier noch mehrere Ferienhäuser auf Baltrum, einige Ford Capri, und ist das ein italienisches Motorrad?

LCP: Gilera.

HD: Wie lange malen Sie denn schon? Wie alt sind sie überhaupt?

LCP: Ich bin dreißig. Und ich male schon, solange ich denken kann. Ich meine, so richtig erst seit zehn Jahren etwa.

HD: Bei Ihnen geht oft das Technische, das von Menschen Geschaffene, die Architektur und Maschinen, eine Verbindung ein mit der Natur. Außer natürlich auf ihren Pritschenwagenbildern. Sonst gibt es aber immer reichlich Natur zu sehen. Sind Sie ein heimlicher Natur-Freak?

LCP (zögert lange): Also … ich hab mir da früher Sujets erdacht, Landschaftsbilder … das kann man ja aus dem Kopf malen … eines meiner ältesten Werke …

HD: Das steht da in einer Landschaft, die nicht existiert. Ist das dann so düster-grandiose Fantasymalerei?

LCP: Ich wäre ja beinahe so ein Fantasymaler geworden. Es gibt ja da diese Technik. Kennt jeder.

HD: Es fällt auf, dass Sie einerseits scheinbar detailversessen sind, aber immer auch eine gewisse Leichtfertigkeit mit der Zu-Ende-Darstellung der abgebildeten Gegenstände an den Tag legen.

LCP: Details können ja durchaus nützlich sein. Man könnte ja auch 'ne leere Leinwand aufhängen.

HD: Was man ja schon versucht hat. Finde ich wenig reizvoll.

LCP: Nicht dauerhaft spannend. Mittlerweils lässt man auch die Leinwand weg und hängt nur den Keilrahmen auf.

HD: Sie füllen jedenfalls die Leinwand mit Details und diesen fantastischen schönen banalen großen Dingen.

LCP: Genau. Im Grunde könnte das auch abstrakt sein. Es geht mir eigentlich vor allem um Farbe.

HD: Eine Idee, die durch Farbe in die Leinwand kommt und dort eine großartige aber letztlich banale Geste hinterlässt.

LCP: Farbflächen treffen aufeinander. Das ist ganz spannend.

HD: Sie haben vorhin gesagt, das Capri-Bild spricht noch nicht so richtig, weil der Capri noch heller sein muss als der Vordergrund.

LCP: Das ist richtig. Farbigkeit und Helligkeit müssen harmonieren. Dann spricht das Bild den Betrachter an.

HD: Man hat Ihnen vorgeworfen, monochromatisch zu arbeiten und das Ganze recht düster darzustellen, in so bläulichen gräulichen seltsamen dunklen Tönen …

LCP: Gerne immer wieder … das stimmt mich optimistisch. Was ich hier habe, ist natürlich auch interessant. Das ist ein Cadillac Fleetwood Eldorado, Baujahr 1969, gelb, mit Göttinger Kennzeichen.

HD: Ich sehe, Sie haben schon in der Vorlage angefangen zu arbeiten.

LCP: Der Hintergrund war langweiliger, grüner Hintergrund. Scheißbäume. Sah nicht schön aus. Die mussten weg. Der Cadillac war da einfach wichtiger. Der Hintergrund musste weg. Man hat so einen Blick in die Weite des Raumes.

HD: Und aus diesem Raum tritt oder steht der Cadillac auf uns zu und spricht zu uns?

LCP: Gleichzeitig dynamisch und statisch.

HD Was für Vorlagen benutzen Sie denn so.

LCP: Werbung, oder Fotos. Irgendwelche Landschaftsperspektiven. Ich fotografiere auch selber, meist Stadtlandschaften.

HD: Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht ja eher das Ding in der Natur, aber nicht der Mensch, der das Ding geschaffen hat. Der Mensch ist wie die Natur oft nur Beiwerk zu dem Ding.

LCP: Ich habe auch Portraits gemacht.

HD: Von Leuten die ich kenne?

LCP: Privat. Aber auch Leute, die man kennt: Major Böckl aus Sissi … oder Jean Marais, oder den Schauspieler Liberace.

HD: Auch Elvis Presley?

LCP: Auch Elvis Presley.

HD: Spielen Sie ein Instrument?

LCP: Gitarre. Als Kontrast zur Malerei.

HD: Klampfen nach Farben …

LCP: … oder Malen nach Noten.

HD: Benutzen Sie auch Werke anderer Künstler als Vorlage? Ich habe mir immer vorgestellt, dass in Ihrem Stil die Toteninsel von Arnold Böcklin doch auch ganz hervorragend aussehen müsste. In diesem Fall wäre ja die grandiose Banalität im Werk des anderen Künstlers plötzlich in Ihrer Arbeit. Die Toteninsel wäre dann wie das Ferienhaus auf Baltrum oder der Capri aus dem Werbeprospekt. Außer Ihrem Bild von Manhattan, wo der Hubschrauber um die Zwillingstürme fliegt, finde ich ja nur Böcklins Toteninsel bemerkenswert.

LCP: Manhattan ist ja auch ne Insel. Man könnte auch einen Hubschrauber durch ein Kaspar-David-Friedrichs-Bild fliegen lassen, oder einen Capri auf der Toteninsel parken. Aber das wäre ja wieder Fantasy.

HD: Caspar David Friedrichs hat auch Lichtflächen und Farben. Und seine Zeitgenossen hatten Schwierigkeiten mit seinem Bildern. Man hat ihm ja vorgeworfen, seine Bilder wären leer und kalt und drohten den Menschen zu verschlingen. Die Leute waren damals durchaus entsetzt. Da war etwas in den Bildern, das sie geängstig hat. Was der Naturschönheit entgegenstand. Bei Ihnen ist das ähnlich, nur geht es nicht um Naturschönheit. Sie zeigen ja Zivilisation, scheinbar, aber eigentlich etwas, dass der Zivilisation entgegensteht. Hier ist es die fröhliche Jagdgesellschaft mit dem gelben Capri, der noch heller ist als der Vordergrund. Die Frau in dem Minirock, die ihren jagenden Männern bewundernd bei ihrer Tätigkeit zusieht, das ist ja eigentlich ein heiteres Motiv. Trotzdem befremdet es. Sind Sie ein Caspar David Friedrichs der Urbanität, des grandiosen banalen Urbanen?

LCP: Das beschäftigt mich sehr. Auch Surrealismus. Rousseau. Oder Max Ernst. Auch Turner erkennt man immer wieder. Es gibt da fantastische abstrakte Arbeiten. Farbspiel, Farbspektrum. Ein paar Striche. Finde ich ausgezeichnet. Modern und zeitlos.

HD: Die Surrealisten haben sich ja auch mit Böcklins Toteninsel beschäftigt. Die sind ja von der Position, die der Betrachter des Bildes Toteninsel von Böcklin hat, aufgestiegen in eine Art Helikopterperspektive. Man hat dann die Insel von oben gesehen, aber nicht so wie sie sich möglicherweise in natura oder meinetwegen im Stil eines Friedrichs oder Pramann dargestellt hätte, sondern als Plan, als Grundriss oder Karte der Insel. Kann man in Ihren Arbeiten auch sowas wie Grundrisse für grandiose urbane Standardsituationen erkennen? Im Anschluss an diese grandiose Banalität?

LCP: Soweit ich mich erinnern kann, befindet sich der Betrachter immer auf der Grundhorizontalen. Das Auge des Betrachter hat keinen erhöhten Standpunkt, wo 'ne Draufsicht möglich ist, ein Luftbild oder so. Außer vielleicht bei den Fensterbildern, wo man aus dem 30. Stock im Hilton-Hotel aus dem Fenster runter auf die Straße schaut. In New York.

HD: Sie werden ja stark in der jungen hippen Berliner Szene rezipiert. Sie werden für Schallplattencover gebucht. Hier sind ja auch wieder schöne Motorräder, junge Frauen, die Bilder durchdrungen von südlichem Licht, oder dieser Dodge, da sieht man schon das Kalifornien oder Oregon, so eine Abendstimmung am Pazifik. Das befremdende in Ihrer Arbeit ist scheinbar auch das authentisch Fremde. Alles deutet in ihrer Arbeit auf so was wie fuzzylogischen Realismus, der den Kern, die Idee, das Licht oder die Farbfläche zeigt, ohne das Dargestellte bis ins Letzte zu konkretisieren, so dass die Eindruck einer flüchtigen Betrachtung bleibt.

LCP: Blanker amerikanischer Trivialzynismus wäre auch 'ne schöne Bezeichnung, aber letztlich genauso unzutreffend wie irgendeine andere.


Heinrich Dubel besuchte Lutz C. Pramann am 17. Mai 2003 in dessen Atelier.

Lutz C. Pramann, Dezember 2003
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