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Ausstellung Schultheiss/BERLIN/2003
Psychohistorische Exkavationen



Schultheiss – Berliner Bier von Weltruf

Der Unternehmer Jobst Schultheiss erwirbt 1853 eine kleine Berliner Brauerei mit eigener Malzproduktion. Im Jahre 1871 ist die Schultheiss'sche Brauerei zur Aktiengesellschaft gereift. Akkumulation ("fleißiger Erwerb") weiterer Brauereibetriebe vergrößert das Unternehmen, bis es im Jahre 1904 den Ausstoß von einer Million Hektoliter Schultheiss-Bier erreicht. Anfang der Zwanziger ist die Berliner Schultheiss größte Lagerbierbrauerei der Welt. Mit Patzenhofer als Partner geht es weiter voran, bis dann passiert, was auf der Webseite der Marke > schultheiss.de unter der Kapitelüberschrift "Ab und auf" beschrieben wird: "Die Krisen und Zerstörungen Mitte des letzten Jahrhunderts rüttelten nicht nur am ganzen Land. Die Brauerei machte eine harte Krise durch. Wichtige Absatzmärkte und Braustätten gingen durch Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verloren. Vom Absatzmarkt, der vorher von Berlin bis zur Ostsee, nach Pommern, Ostpreußen und Schlesien reichte, blieben nachher nur mehr knapp 20% erhalten. Es wurde zum Glück wieder besser, und Schultheiss Pilsener blieb weiterhin Verkaufsschlager".

Das ist wörtlich zu nehmen, wie > Aufnahmen von Stimmungsliedern "Ich trink mein Helles auf Dein Spezielles" oder des Klassikers "Schultheiss-Export" bezeugen, eingespielt von Bruno Fritz und Chor zur lässigen Marsch- und Walzermusik des SFB-Tanz- und Unterhaltungsorchsters. "Dit Schulle" gehört nun mal zu Berlin wie Zille und Bolle, auch wenn es vorerst nur mehr zu West-Berlin gehört (wie Bierpinsel und Wasserklops). Im Westen allerdings ist Schultheiss vielleicht die "klassischste" der Berliner Traditionsmarken, insofern sie besonders außerhalb Berlins als DAS Berliner Bier bekannt ist (neben Berliner Kindl, aber weit vor Engelhardt "macht Stängel hart" und Charlottenburger-Pilsener. In den Siebzigern vermag ein Schultheiss dem (West)-Berliner Sicherheit und ein Gefühl des Zu-Hause-Seins vermitteln in einer rasant sich verändernden Republik, von der man doch immer irgendwie abgeschlossen ist. Im sich abzeichnenden Imagebewerb der Achtziger ist das als "kleene braune Ampulle" geliebt- beziehungsweise geschmähte Bier abgehängt von Marken wie Beck‘s oder Flensburger. Man erkennt dringenden Bedarf zur Aktualisierung des Schultheiss-Images, da die Marke sogar zunehmend zu Hause in Berlin an Marktanteilen verliert. Die Kampagne "Schultheisse Nächte" zementiert jedoch das Image eines Laubenpieper- oder Eckensteherbieres. Es fehlt an frischen Ideen, man zeigt sich außerstande zu wiederholen, was etwa eine Marke wie Jägermeister vormacht: Sich von einem als Inbegriff der Biederkeit gehandelten Produkt in eines zu wandeln, das von einer neuen Massen-Bewegung (Techno) geradezu ekstatisch verzehrt wird. Mit dem Mauerfall eröffnet sich für Schultheiss theoretisch die Möglichkeit, den Ostteil der Stadt zurück zu erobern und als neues altes Gesamtberliner-Bier zu strahlen. Im Zuge akkumulierender Dynamik auch in der Brauereiwirtschaft gehören jedoch bald alle Berliner Marken einer einzigen überregionalen Braugesellschaft, die dann allerdings schnell und erfolgreich auf Aufbruchsstimmung setzend die Marke Berliner Pilsener zum neuen Repräsentanten der Berliner Biere kürt. Versuche, die Marke Schultheiss veränderten Konsumenten-Gewohnheiten nach zu bessern und das Nach-Vorne-Stellen einer "neuen Sorte" verwandeln viele Kneipen über Nacht in "Schultheiss-Lager". Die Rezeption dieses Angebotes ist von Beginn den Zwängen des Mitdenkens deutscher und damit natürlich auch Berliner Geschichte unterworfen und gilt Branchen-Insidern als "Fehlgriff, wie er im Buche steht." – in welchem Buche sagen sie allerdings nie.

Das Design des aktuellen Schultheiss-Pilsener ist der verspätete Versuch einer Annäherung an den Geist einer frühen Klarheit (von der Markenklientel im übrigen niemals reflektiert), unternommen im Stil eines grandiosen Missverständnisses, das von einem goldenen Westen der Sechziger ausgeht und von der Erinnerung daran, wie die Werbung plötzlich nicht mehr schwarzweiß, sondern bunt war.



Organisation


Die Ausstellung "Schultheiss/Berlin/2003 – Psychohistorische Exkavationen" wird im Zuge einer vom Erratik Institut Berlin geführten > Simulation des Zwanzigsten Jahrhunderts von Heinrich Dubel konzipiert und eingerichtet, unter Beteiligung folgender Gruppen und Personen:

– AG Erratische Architekturkritik (> Berliner Schultheiss-Gespenster)

– AG Presse- und Medienbeobachtung (> Archäopaläofotografische Erfassung des Schultheiss in Dokumentar- und Spielfilmen oder Fernsehbeiträgen)

– Archiv und Sammlung Dubel (diverse Artefakte)

> ILL GALLERIES/Büro Superclub (Venue/Organisation). Personal und Umfeld der ILL GALLERIES bestehen zum großen Teil aus Radsport-afficionados und Fahrradkurieren. Entsprechend begeistert wurde die Ausstellung aufgenommen, ist die Schultheiss-Brauerei doch bekannt für ihre öffentlichkeitswirksame Unterstützung des Radsports, besonders auch als Sponsor des berühmten Berliner Sechstagerennens. Ein harter Kern organisierte sich sogleich unter dem Sammelbegriff Schultheiss prick forces, eine Entwicklung ähnlich derjenigen der Schultheiss-Nazis in den 80er-Jahren in der Kreuzberger endart-Szene. Inzwischen (2006) wird eine Fortschreibung der lose assoziierten Gruppe unter der Bezeichnung Schultheiss-Marines erörtert.

– AG Erratische Architekturfotografie
(Consulting und technische Durchführung > Martin Eberle)

> Tony Millionaire und Nanette van Haastert (Schultheiss-paintings)

– Dieter Grube > Fotografie

– Ulrich "Turner" Radtke (†)

– Galerie endart

– Hansdieter Erbsmehl (Artwork-Leihgaben, Consulting, technische Unterstützung)

– einige der historischen Fotos stammen vermutlich aus den 60er Jahren und wurden am Rande eines Sechs-Tage-Rennens gemacht. Sie wurden von Herrn Werna aus Berlin-Kreuzberg dem Archiv Sammlung Dubel übergeben.

– der Großteil der historischen Fotos stammt aus der Schultheiss-Marketing-Abteilung unter Frederic "Ricky" Görner, dem auf diesem Wege nochmals Dank gesagt werden soll.

Die Ausstellung funktioniert nicht komplettistisch oder repräsentativ. Sie zeigt anhand psychopaläologischer Exkavation eigentlich recht verlorener Dinge, wie Kultur vergessen oder erinnert wird.

Das Bier wird auf Wunsch auch warm ausgeschenkt.

Über die gesamte Dauer der Ausstellung läuft während der Öffnungszeiten Alt-Berliner- und internationale Biermusike.



Exponate


> US-Schultheiss-paintings (Nr. 4 Nanette van Haastert, alle anderen > Tony Millionaire, als Farbdruck in der Ausstellung, die Originale sind verschollen zwischen New York und Los Angeles)

– Sch(ulth)eiss-Bieraltar
– Sch(ulth)eiss-Pilsener
– Raute
– Spiegel/Nagellack
– Oberlicht
– Öl
– "Rembrandt"
– Buntstift
– Crayon

– diverse Fineliner-Studien des Schultheiss-guy mit schwarzem Balken über den Augen (von Tony Millionaire, Abbildung hier links unten)

– Vorlage zu Fineliner-Studien (Sixpack-Pappe, Sammlung Dubel)

> Schultheiss-Totenkopf-Collage (Radtke)

> Saufen macht alles gut (Thomas Kunzmann Siebdruck)

> Schultheiss-Schriftzug (Linolschnitt Klaus Theuerkauf)

> Berliner Schultheiss-Gespenster (als Farbdrucke)

– Kreuzberg 1
– Spandau 1
– Kreuzberg 2
– Kreuzberg 3

> historische Postkarten

Schultheiss-Mann mit Dewag-Mann und einem weiteren
Schultheiss-Mann mit Dewag-Mann und jungem Kellner
Schultheiss-Mann mit Sarotti-Mohr und Bierkutscher

> Archäofotokinetische Erfassung (als Fotoprint)

– aus Sinfonie der Großstadt (1927)
– aus Emil und die Detektive (1931)
– aus Nach Hitler - Rechtradikale rüsten auf (1978)
– Oberflächenreflexfotografie Big Eden (2003)
(entspricht dem Stand der erfassten Sichtungen im Jahr 2003)

Diverse Schultheiss-Artefakte

– Bierdeckel "See-Elefanten-Fütterung"
– Kneipenblockzettel "Ghostriders"
– Flyer "Sportbierdisco"
– Bierseidel
– Steinkrug
– Tulpe
– Glas Deutsches Pilsener
– handgefertigter Bierkrug Patz-Pils
– Dose Patz-Pils (unbeschädigt, ungeöffnet, originalbrauereiabfüllungsvoll)
– Original-Brauereiwerbung (Hinterglasmalerei)
– Badetuch
– Aschenbecher

> Schultheiss-Musike (Werbeschallplatte)
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> Schultheiss-Etiketten, Bierfilze und Schilder
Eingangssituation ILL GALLERIES
22. August bis 7. September 2003
während der Aufbauphase, an der Wand eine Hinterglasreklame aus den 30ern
Regal mit klassischen Schultheiss-
Trinkgefässen, Hopfenblüten, Schultheiss-Schallplatte, Schultheiss-Aschenbecher
I dream of Schultheiss-Pilsener ...
Schultheiss prick forces at work
Heinrich Dubel mit Besuchergruppe
> Ausstellung Schultheiss/BERLIN/2003 (nach oben)


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