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Der Schultheiss-Komplex

Psychohistorische Exkavationen und frühe Versuche ergebnisorientierten Arbeitens


Die Beschäftigung Heinrich Dubels mit der Berliner Traditionsbiermarke Schultheiss reicht zurück in die 1980er, in eine Zeit bohémienhaften "Künstlerlebens" in Kreuzberg.

Die Künstlergruppe endart ist bekannt für ihre im Allgemeinen entweder exzellent bösartigen oder trotzig banalen Provokationen sowie für ihre radikale Infragestellung von Konventionen. In ihrem Umfeld hat sich eine besondere, von den Protagonisten als "krank" bezeichnete Vorliebe für die "kleenen braunen Ampullen" herausgebildet. Zu diesem Umfeld gehört auch Dubel, der die Produktion von Kunstwerken mit Bezug auf das Schultheiss-Motiv anregt. Der Schultheiss-Schriftzug und das Logo werden Motiv. Der Kult um die Einwegflaschen aus den Schultheiss-Sechserträgern manifestiert sich außerdem in Nonsens-Aktionen wie dem Auf-dem-Kopf-Tragen der Sechserträgerpappen als Kronen, etwa bei TV-Übertragungen von Fußballspielen.

Der Amerikaner > Tony Millionaire, der einige Jahre in der Kreuzberger Oranienstraße wohnt, dem Zentrum der Aktivitäten der endart-Künstler, entführt den Schultheiss-guy nach New York, wo eine > Serie von Bildern entsteht, die schließlich als Ausstattung eines Performancetheaterstücks auf der Bühne des CBGB landen. Dort wird im Jahr 1991 der Schultheissmann auch Darsteller.

In New York und Berlin wird das deutschtypische der Marke übersetzt in NAZI, und die Clique der Akteure nennt sich "Schultheiss-NAZIs", eine naheliegende und billige Provokation.

Dass ein solcher Ansatz nicht "von ungefähr" kommt, sondern einen konkreten Hintergrund hat, zeigt der Verweis auf eine Aktion, die der schwule Neo-Nazi und situationistische Provokateur Michael Kühnen bereits 1978 in Hamburg durchgeführt hatte. Kühnen war mit seiner Truppe junger Rechter durch Hamburg marschiert, wobei einige Eselsmasken trugen und Schilder, auf denen der Massenmord an Juden während des Zweiten Weltkriegs (WK2) geleugnet wurde: "Ich Esel glaube immer noch, dass in deutschen 'KZs' 6 Millionen Juden 'vergast' wurden." Eine solche Aktionsform war für die Rechte völlig neu, und die Kamera(den)augen der Nation richteten sich nach Hamburg. Es war ganz sicher kein Zufall, das sich Kühnen als Ausgangspunkt seiner Aktion eine Kiezkneipe mit Namen "Zur Endstation" ausgesucht hatte, die zudem noch eine Schultheiss-Kneipe war, eine nicht gerade häufige Erscheinung in Hamburg, das doch von den Marken Astra und Holsten dominiert wurde und wird. Der Zusammenhang zwischen dem Namen der Kneipe und dem Holocaust war sinnfällig, aber warum Schultheiss?

Die Antwort auf diese Frage liefern vielleicht historische Filmbilder, in denen eine Abteilung der Berliner SA in Marschformation und mit Hakenkreuzfahne ausstaffiert die Wirtsstube "Deutsches Haus" verlässt – eine Schultheiss- und Patzenhöfer-Kneipe. Letzlich bleibt aber Vermutung und nicht zu beweisen, dass Kühnen diese Bilder kannte, die Möglichkeit ist aber auch nicht auszuschließen.

Im Jahr 2003 werden mit der Ausstellung Schultheiss/BERLIN/2003 – Psychohistorische Exkavationen in den > ILL GALLERIES in Berlin-Mitte erstmals alle Aspekte der Arbeit am Schultheiss-Komplex zusammengeführt und öffentlich gezeigt, unter Verwendung von Materialien und Arbeiten aus den 1980ern, von Ergebnissen der Untersuchungsgruppe Erratische Architekturkritik (besonders Fassadenbilder aus der > erratischen Architekturfotografie), von Exponaten aus der Sammlung Dubel, sowie mit Unterstützung der Marketing-Abteilung von Schultheiss, die nicht nur Bier, Sonnenschirm und Gadgets, sondern auch historisches Bildmaterial zu Geschichte von Marke und Brauerei zur Verfügung stellte, ein Engagement, dass umso bemerkenswerter ist, wenn man bedenkt, dass die im Zuge der Ausstellung durch das Erratik Institut erfolgten Veröffentlichungen nicht unbedingt so angelegt waren, das Wohlwollen der Brauerei-Manager zu garantieren.

Im August 2007 schließlich wird der Komplex Schultheiss-NAZI-Kunst-Avantgarde vorläufig beschlossen mit einer > Ausstellung im Berliner Atelierhaus Haus Schwarzenberg, in der erstmals die archäokinetisch-paläofotografische Erfassung Schultheiss gemeinsam mit sogenannten Coca-Cola-Erscheinungen in einem Umfang von 16 ausgestellten Exemplaren gewürdigt wird.
> Archäofotokinetische Erfassung Schultheiss
> Ausstellung Schultheiss/BERLIN/2003
> Ausstellung Schultheiss/Archäopaläofotografie/2007
> Künstlerische Artefakte und Fotografie
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> Auswahl historischer Fotos und Postkarten
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"Wenn alles getan ist" – hier geht's um Zufriedenheit
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> Schultheiss-Kneipen
> Witze mit Schultheiss
> Schultheiss-Etiketten, Bierfilze und Schilder
Zeitgenössische Markentafel Berlin 2003
Kühnens Hamburger Eselsaktion 1978 beginnt in der Schultheiss-Kneipe Endstation.
SA marschiert vorm Deutschen Haus, drinnen gibt's Schultheiss-Bier.
Heinrich Dubel und Tony Millionaire
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