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Kontrolle 302

Das Magische – Der Paranoia-Diskurs.
Conspiracies, UFOs und Verschwörungsdenken


von Sven Drühl (aus Kunstforum International, Band 163, 2003)

"Die wunderbare Sache an einer Konspirationstheorie ist,
dass sie einem erlaubt, alles perfekt zu verstehen."
––Michael Barkun, Politologe


Codename Majestic

Was früher Magie, Satanismus, Spiritismus oder Okkultismus als soziale wie kulturelle Phänomene verhandelten, ersetzen heute – trotz starker Verbreitung von New-Age Gedankengut – die z.T. aberwitzigen Phantasmen der Konspirologen. Deren erste Funktion ist die Komplexitätsreduzierung, denn Verschwörungstheorien liefern meist äußerst einfache Welterklärungsmodelle. Wer sich in einer überkomplexen, ständig in Veränderung befindlichen Welt nicht mehr zurechtzufinden vermag, flüchtet sich gerne in eine Pseudorealität basierend auf weitgehend simplen Verschwörungsgrundmustern. In einem solchermaßen konstruierten gesellschaftlichen Raum ist immer klar definiert, wer Freund und wer Feind ist, so dass die stabilitätsversprechende Selbstverortung in der Gruppe der Anhänger einer Theorie und die daraus zu beziehende Haltung weitgehend unproblematisch werden. Es handelt sich hierbei um Systeme kollektiver Imagination, die Entlastung vom Realitätsdruck versprechen. (1) In ihrer Struktur sind sie den tradierten Religions- und Glaubensgemeinschaften nicht unähnlich.

Der Mensch neigt anscheinend zum einfachen schwarz-weiß-konturierten Weltbild. Dies ist keineswegs vom Bildungsniveau, der Nationalität, dem Geschlecht, der Weltanschauung oder gar der politischen Überzeugung abhängig, schließlich finden sich unter den Anhängern modernen Verschwörungsdenkens Personen jeglicher Couleur: Akademiker verdächtigen genauso gerne und oft wie Arbeiter, Europäer wie Asiaten oder Amerikaner, Männer wie Frauen, Religiöse wie Areligiöse, Linke wie Rechte, Reaktionäre wie Fortschrittliche. Dieter Groh konstatiert, dass Verschwörungstheorien eine ständige Versuchung für uns alle darstellen, außerdem sei der Weg ins Verschwörungsdenken sehr viel leichter zu beschreiten als der umgekehrte. (2)

Die Geschichte lehrt uns, dass wenn ein Feindbild überholt ist, schnellstens ein Neues benötigt wird. Konspirationstheorien – universale wie lokal-regionale – liefern diese in unendlicher Bandbreite, seien es politische, ethnische, religiöse oder einfach höchst phantastische: zu den beliebtesten zählen die jeweilige Regierung, die geheime Regierung innerhalb der Regierung (Majestic 12, etc.), Geheimdienste, die Finanzoligarchie, die Nation of Islam, Maos gelbe Gefahr, die jüdische Weltverschwörung, der Vatikan sowie sinistre Logen, Geheimbünde (Illuminaten, Freimaurer, etc.) und sogar Aliens, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen bzw. es schon längst getan haben. Irgendwie geht es dabei immer um Macht. Die Hierarchie ist natürlich vorgegeben. Stets sind es die vermeintlich Ohnmächtigen, die die vermeintlich Mächtigen verdächtigen, mehr als reines Networking zu betreiben. Die realen oder imaginierten Bösen sind also immer die Anderen, auch wenn diese z.T. gar nicht näher benannt werden können und sich hinter nebulösen Begriffen wie "DIE" oder "SIE" verflüchtigen. SIE haben die Macht, SIE vertuschen alles, SIE sind hinter uns her...

War der Hauptfeind der westlichen Zivilisation in den Achtzigern noch Sowjetrussland unter dem von George Bush propagierten Slogan vom "Reich des Bösen", so benutzt im Jahr 2002 George Bush Jr. in Folge des Terrorattentats vom 11.9.2001 die Formulierung von der "Achse des Bösen" und meint damit angebliche Terrorstaaten, die freilich nach Belieben einer Liste hinzugefügt oder aus ihr getilgt werden können. Somit ist die Prognose von Claus Leggewie, der zufolge es seit der Auflösung der Sowjetunion keinen äußeren Feind der westlichen Demokratien mehr gebe (3), von der Geschichte überholt worden. Paranoia ist die Folge oder wie es der Konspirologe und Science-Fiction-Autor Robert Anton Wilson es ausdrückt: "Bloß weil du nicht paranoid bist, heißt das noch lange nicht, daß sie nicht hinter dir her sind." (4)

Neben der Vorliebe für die Simplifizierung der Welt bedienen Konspirationstheorien aber auch hervorragend die Faszination für Geheimniskrämerei, Exotismus, Esoterik und Mystik, d.h. sie stehen im Kontext eines "unheimlichen" Entertainments. Die verhandelten Themen reichen von der Ermordung einflussreicher Politiker (Abraham Lincoln, John F. Kennedy, Uwe Barschel, Olof Palme) über gezielte Einflussnahme in Politik und Kultur, unerlaubte Experimente am Menschen (Mind Control, Implantate, MK-Ultra, Erforschung von Biowaffen) bis hin zur Vertuschung von UFO-Landungen samt der militärischen Nutzbarmachung außerirdischer Technologie (Area 51, schwarze Helikopter, Antigravitationsantrieb). All diese Geschichten, Fälle und Mythen macht sich die Unterhaltungsindustrie zu nutze: allein der Buchmarkt zu Verschwörungen und UFOs umfasst einige tausend Bände, dann gibt es noch die Videos, Zeitschriften, Fernsehserien, Spiele und andere Merchandising-Produkte. Doch den wirtschaftlichen Hauptfaktor stellt eindeutig die Filmindustrie dar, die das Thema geradezu inflationär ausschlachtet. Filme wie JFK, Fletchers Visionen, Staatsfeind Nr. 1, The Conspiracy Theorie, Capricorn One, Independence Day, Contact, Matrix, Men in Black, Die Tage des Condors, Unheimliche Begegnung der dritten Art oder der Klassiker The Parallax View stehen für den spektakulären Nervenkitzel. Irgendwem scheint es immer zu nutzen, wenn die Geschichten oder die modernen Mythen in unzähligen Varianten neu aufgerollt werden. Vielleicht liegt gerade in der Verwertbarkeit die Antwort versteckt, warum sich Conspiracies so lange halten. Die Frage ist natürlich auch, ob sie überhaupt wirkungsmächtig werden, zumindest die statistischen Zahlen sprechen dafür: z.B. glaubten noch 1991 ca. 56 % der amerikanischen Bevölkerung, dass das Kennedy-Attentat mit einer Verschwörung in Zusammenhang stehe und eine Befragung im Jahr 1990 unter New Yorker Afroamerikanern ergab, dass immerhin 29 % davon überzeugt waren, die Regierung hätte das Aids-Virus absichtlich im Labor erzeugt, um schwarze Menschen zu infizieren. (5) Sind all die Leute, die so etwas glauben, Konspirologen? Wohl kaum. Das Verführerische an den Theorien ist, dass sie vielfach äußerst plausibel wirken, sauber recherchiert sind und zahlreiche wahre Fakten enthalten – allerdings werden diese dann mit Erfundenem vermischt. Die zugehörigen Analysen und Recherchen bedienen sich eines wissenschaftlichen Erscheinungsbildes samt Fußnotenapparat und Bibliografie. Nur das, was zitiert wird, ist oft fragwürdig. Da stehen seriöse Buch- und Zeitschriftentitel gleichwertig neben esoterischen Schriften und ideologisch-phantastischen Texten. Ein deutlicher Schwachpunkt vieler Verschwörungstheorien ist die Überschätzung der Kausalität. Konspirologen sehen gerne Kausalzusammenhänge, wo es keine gibt. Die vermeintlich bestechende Logik soll so den Mangel an Beweisen überdecken. (6)

Ein weiterer verführerischer Fakt ist, dass Verschwörungstheorien Lösungen für diejenigen Bevölkerungsgruppen anbieten, die sich unterdrückt, ausgebeutet, behindert oder ohnmächtig fühlen. Sicher ist auch ein Teil des Faszinosums darin begründet, dass es erst einmal keinen Ausschlussmechanismus im Bereich der aktiven Verschwörungstheoretiker gibt. Man braucht weder Geheimwissen, noch einen Schul- oder Universitätsabschluss. Jeder kann mitmachen beim großen Gruppenspiel, denn es ist grundsätzlich offen angelegt – in den inneren Kreis der Geheimnisträger und Verschwörer (so es sie denn gibt) kommt sowieso niemand und wenn doch, steht er ja eh auf der anderen Seite und ist nicht mehr daran interessiert, etwas preiszugeben. Vielfach behält all dies Spielcharakter. Harte Fälle sind dann allerdings diejenigen Personen, die man als Gläubige bezeichnen kann und die in Folge ihrer Überzeugungen das gesamte Leben nach ihrem Verschwörungsdenken ausrichten. Unglücklicherweise sind manche der Verschwörungstheorien äußerst wirkungsmächtig und entfalten ein hohes Schadenspotential, denn: Ideen haben Folgen. (7) Man bedenke nur den Einfluss der antisemitischen Theorie von der jüdischen Weltverschwörung, die über viele Umwege und zahlreiche absurde Veröffentlichungen schließlich in den gefälschten Protokollen der Weisen von Zion gipfelte und sich nachweislich in den Handlungen eines Paranoikers wie Adolf Hitler niederschlug. (8)

Doch zurück zu den Inhalten der Konspirationstheorien. Vielfach geht es auch um Propagandalügen und gezielte Desinformation. Hier sei nur ein unterhaltsames Beispiel aus dem reichhaltigen Fundus angeführt. Zu den reizvollsten Geschichten gehört die, dass die US-Regierung auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges die Mondlandung 1968 (und alle folgenden Apollo-Landungen) nur vorgetäuscht habe. Tatsächlich sei alles auf dem Gelände der streng geheimen US-Militärbasis Groom Lake Air Force Base - auch bekannt als Dreamland oder Area 51 (nach einer Planquadratnummer) – in bester Hollywood-Manier filmisch inszeniert worden. Genauer: Die angeblich so bedeutsamen ersten Schritte eines Menschen (Neil Armstrong) auf der Mondoberfläche, die einem Millionenpublikum via TV vorgeführt wurden, waren ein großangelegter Medienfake. Konspirationstheoretikern zufolge wandelte Armstrong im Sand der Wüste von Nevada. Die Argumentation basiert wie so oft im Fall elaborierter Theorien auf angeblich streng wissenschaftlichen Untersuchungen, ausgehend vom offiziellen Film- und Fotomaterial der NASA. Einige Gedankenspiele: Die Schatten auf den Fotografien weisen in unterschiedliche Richtungen, obwohl es auf dem Mond nur die Sonne als Lichtquelle gibt. Obwohl zu sehen ist, wie die Astronauten schon beim Herumlaufen Mondstaub aufwirbeln, hat sich kein Krater unter dem Triebwerk der Landungsfähre gebildet, aber der Schub der Triebwerke hätte doch eigentlich große Mengen an Staub aufwirbeln müssen. Fotos, die angeblich Astronauten an kilometerweit entfernten Stellen des Mondes zeigen, weisen den exakt gleichen Bildhintergrund samt Steinanordnungen am Boden auf, als seien sie an einem Filmset gedreht worden. Die amerikanische Flagge weht im Film deutlich sichtbar, obwohl es auf dem Mond keine Atmosphäre, folglich auch keinen Wind gibt. Astronauten, die im Schatten der Fähre stehen, sind dennoch gut ausgeleuchtet, man erkennt auch kleinste Details der Raumanzüge. Außerdem sei die NASA technisch überhaupt nicht in der Lage gewesen (noch sei sie es heute), eine Mondlandung zu bewerkstelligen, schließlich habe Armstrong schon beim Versuch die Landungsfähre probeweise auf der Erde zu steuern, einen Crash verursacht, bei dem er sich nur in letzter Sekunde mit dem Schleudersitz retten konnte. Die Liste ist noch sehr viel länger. (9)

Interessant ist, dass es sogar auf die Frage, warum die US-Regierung einen solchen Schwindel hätte inszenieren sollen, höchst unterschiedliche Antworten gibt. Eine Erklärung betont den Aspekt der technischen Vormachtstellung gegenüber Russland im Wettlauf um die Eroberung des Weltraums, speziell die Inbesitznahme des Mondes. So sei es nur darum gegangen, die Meldung einer erfolgreichen Mondmission zu lancieren, denn die Überprüfung der Fakten vor Ort war ja nicht möglich. Kampf der politischen Systeme mit allen notwendigen Mitteln. Eine weitere Erklärung klingt freilich sehr viel phantastischer. Armstrong habe etwas von einem riesigen extraterrestrischen Raumschiff erzählt. (10) Die Originalfotos, auf denen das UFO angeblich zu sehen war, wurden also als streng geheim eingestuft und seien seit dem unter Verschluss, deshalb hätten nachträglich neutrale Bilder für die Weltöffentlichkeit erzeugt werden müssen. Kein Kommentar! Dennoch fällt auf, dass es meist mehr als eine Lösung für die fraglichen "Fälle" gibt. Allein für die Kennedy-Ermordung sind weit über hundert verschiedene Erklärungsmodelle im Umlauf, vielleicht sind das ja die im Zuge der Postmoderne-Diskussion so häufig geforderten Wahrheiten im Plural.

Besonders in Krisenzeiten haben Konspirationstheorien Konjunktur. In Europa lassen sich diese spätestens seit dem Mittelalter nachweisen, allerdings meist mit Bezug auf magische oder theologische Zusammenhänge, erst seit der Aufklärung sind die Verschwörer verstärkt innerweltlich zu verorten, d.h. SIE sind unter uns und haben Einfluss auf alle wichtigen Ereignisse von der Französischen Revolution bis zu den ökonomischen Krisen und den blutigen Kriegen des 20. Jahrhunderts.

Interessanterweise kursieren gerade in den USA seit dem Anbeginn ihrer Existenz sehr viele Verschwörungstheorien. Oder wie Leggewie es treffend ausdrückt: "Die Furcht vor einer systematischen Verschwörung war der amerikanischen Revolution in die Wiege gelegt." (11) Daraus hat sich im Laufe der Zeit ein eigenständiger Führungsstil, der sogenannte "paranoide Stil", entwickelt, der durch allgemeine Xenophobie und besonders durch die Furcht vor einer jüdischen oder kommunistischen Weltverschwörung gekennzeichnet ist. Nach fanatischen Politikerpersönlichkeiten wie dem republikanischen Senator Joseph McCarthy und dem natürlich ebenfalls republikanischen Präsidentschaftsanwärter Pat Buchannan steht nun George Bush Jr. als Gewährsmann für diesen paranoiden Stil ein, den der Historiker Richard Hofstaedter schon 1965 sehr genau beschrieben hat:
"(...) zentrales Bild ist das einer breiten und unheimlichen Verschwörung, einer gigantischen, aber subtilen Maschinerie, die in Bewegung gesetzt wird, um den American way of life zu unterminieren und zu zerstören. Man mag einwenden, dass es tatsächlich verschwörerische Akte in der Geschichte gegeben hat, und man hat keinen Verfolgungswahn, wenn man sie zur Kenntnis nimmt. In der Tat: Alles politische Verhalten erfordert strategische Überlegungen, viele strategische Handlungen müssen eine Zeitlang geheim bleiben, um wirksam zu werden, und alles, was geheim ist, kann man, ohne allzu starke Übertreibung, verschwörerisch nennen. Was den paranoiden Stil auszeichnet, ist nicht, dass seine Vertreter hier und da in der Geschichte Verschwörungen und Komplotte entdecken, sondern dass sie eine 'großangelegte' und 'gewaltige' Verschwörung als eigentliche Antriebskraft historischer Ereignisse ansehen. Geschichte ist Verschwörung, ins Werk gesetzt von dämonischen Kräften einer transzendenten Macht, (...)." (12)

In den phantastischeren Varianten geht es dann nicht mehr um politische Intrigen und Verschwörungen, sondern um eine Bedrohung von Außen, die nicht mehr mit menschlichen Maßstäben zu messen ist, weil sie extraterrestrisch ist. Gemeint ist der weitverzweigte Bereich der UFO-Theorien, die das nichtpersonifizierte Andere unserer Kultur vorstellen.


Subkategorie UFO

Unzählige Bücher erzählen von Sichtungen sogenannter Unidentifizierter Fliegender Objekte (Unidentified Flying Objects), kurz UFOs oder liebevoll auch "Fliegende Untertassen" genannt. Zum Beweis für deren Existenz gibt es zahlreiche unscharfe Fotos, verwackelte Filme und eine schier unendlich große Zahl von Augenzeugenberichten. Die Materialisationsphänomene und Geistererscheinungen der Umbruchszeit des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sind seit dem Ende der 1940er Jahre bis in die Gegenwart hinein faktisch vom UFO-Phänomen abgelöst worden. Die Erklärungsansätze für das Unerklärliche haben sich im Volksglauben also von religiösen Motiven der Götter, Engel und Dämonen über die paranormalen Erscheinungen (Geisterspuk, PSI, etc.) bis hin zu den UFO-Geschichten weiter entwickelt. Die zu letzteren gehörende Verschwörungstheorie lautet: Die Regierungen wissen, dass UFOs real sind, doch sie vertuschen dies. Varianten erzählen von einer verschwörerischen Kooperation der Regierung mit den Außerirdischen oder von einer geheimen Alien-Regierung, die unsere Erdenregierungen infiltriert oder gar unter Kontrolle hat. Allein im Internet – zugegebenermaßen ein Medium, das es Verschwörern oder Desinformanten besonders leicht macht, ihre "Wahrheiten" zu verbreiten – kursieren mehrere tausend Seiten mit Fotos, Berichten und skurrilen Videosequenzen.

Zu den verbreitetsten Geschichten zählt die vom angeblichen UFO-Absturz auf dem Gelände des Farmers Mac Brazel in der Wüste New Mexikos nahe dem Ort Roswell im Jahr 1947. Das Militär erklärte damals – nachdem es am Tag zuvor verlautbaren ließ, eine "fliegende Scheibe" sei geborgen worden – es habe sich lediglich um einen Wetterballon gehandelt. Mehr als vierzig Jahre danach ist aus dem einfachen Wetterballon ein sehr spezieller operationaler Ballon zum Aufspüren atmosphärischer Störungen durch etwaige russische Atombombenversuche im Geheimprojekt Mogul geworden. So lautet zumindest die Erklärung, die nach einer erneuten Untersuchung durch den US-Kongress im Jahr 1994 abgegeben wurde. (13)

Im Jahr darauf veröffentlichte der britische Medienkaufmann und UFO-Fan Ray Santilli Schwarzweiß-Filmaufnahmen einer Autopsie, die Militärs 1947 angeblich an den Leichen der aus dem Roswell-UFO geborgenen Außerirdischen vorgenommen hätten. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere Leser, dass man dieses Videoband um 1996 für ein paar Mark in jedem größeren Video- und Elektronikmarkt kaufen konnte. Die Merchandising-Maschinerie lief auf Hochtouren und es wurde lautstark die Echtheit der Aufnahmen diskutiert. Skeptiker führten neben zahlreichen medizinischen Einwänden an, dass so ein Film mit altem unbespieltem Filmmaterial leicht zu fälschen sei und z.B. die in einigen Bildern deutlich erkennbare Telefonschnur viel zu modern für das Entstehungsjahr 1947 sei. Zudem gab Santilli seine Quelle nie preis ...

Immerhin gab es einige offizielle wissenschaftliche Untersuchungen des UFO-Phänomens durch die US-Luftwaffe, so etwa die Projekte Sign (1948-1949) und Blue Book (1952-1969), außerdem erfolgte eine Untersuchung an der Universität von Colorado (1966-1968). (14) Die Antworten aller Studien sind stark ideologisch geprägt, es musste eben auf die Medienhysterie reagiert werden. Heute geht man davon aus, dass von allen UFO-Sichtungen ca. 3% ungeklärt bleiben. Die anderen Erscheinungen kann man auf Phänomene wie Hubschrauber, Wetterballons, Discostrahler, Satelliten, seltene Wolkenformationen zurückführen – es handelt sich also um Fehlinterpretationen bekannter Objekte oder Phänomene. Zum Teil handelt es sich sogar um Fakes und einige wenige Berichte entstammen der Phantasie von psychisch Kranken. Trotz aller Untersuchungen und der Vielzahl von Augenzeugenberichten bleibt der Zweifel an der materiellen Existenz von UFOs weiterhin bestehen. Allerdings führen sie fraglos eine besondere Form der Medienexistenz. (15)

Da viele offizielle Stellen unterschiedlicher Länder (etwa das Bundesverteidigungsministerium der BRD) bestreiten, sich überhaupt mit dem Phänomen zu beschäftigen, was ja durchaus der Wahrheit entsprechen mag, wittern viele Konspirologen zu lüftende Geheimnisse, finstere Absprachen, versteckt operierende Special Forces und derlei mehr. Die Verschwörungstheorie dazu lautet sinngemäß: im Zeitalter des Infowar, in dem Informationen und die Möglichkeit der Informationsverbreitung die obersten Machtinstrumente darstellen, werden gezielt Desinformationen verbreitet, um von anderen Dingen/Entwicklungen abzulenken. Im Fall des UFO-Phänomens heißt das, wenn man die extraterrestrische Möglichkeit ausschließt, dass etwa Regierungen, Militärs oder Geheimdienste Falschmeldungen über UFO-Sichtungen lancieren (denkbar wären Operationen des Pentagons oder Desinformationskampagnen von FBI und CIA), um beispielsweise geheime militärische oder technische Entwicklungen – etwa UFO-förmige Flugkörper für den militärischen Einsatz – zu verschleiern. Die öffentliche Meinung und die Blickrichtung würde somit ganz gezielt im Sinne von Massenmanipulation gesteuert und umgelenkt.

Zu dieser Theorie gibt es dann in der einschlägigen UFO-Literatur Erläuterungen über den Stand der Flugzeugtechnik mit Bildern von angeblichen Flugkreiseln, scheibenförmigen Flugkörpern und anderen Prototypen (siehe Abbildungen des CYPHER UAV, Sea Stealth und Avrocar, etc.). Allerdings sind die meisten dieser angeblichen Flugobjekte nie über die Erprobungsphasen herausgekommen und nachdem sich herausstellte, dass die Vehikel fluguntauglich waren, wurden in der Regel die Forschungsgelder gestrichen. So erging es etwa dem UFO-Flugobjekt par excellence – dem Avrocar VZ-9AV der kanadischen Firma Avro Aircraft Ltd. – nachdem von der US-Regierung zwischen 1954-1961 insgesamt ca. 10 Millionen Dollar in die Entwicklung gesteckt wurden. Einer der beiden Prototypen ist heute im National Air and Space Museum der Smithsonian Institution in den USA zu besichtigen. Ein weiteres scheibenförmiges Versuchsflugzeug (allerdings unbemannt) hat das U.S. Marine Corps bei der Firma Sikorsky Aircraft Corp. in Auftrag gegeben. Im Jahr 1997 wurde ein 5.46 Millionen-Dollar-Vertrag über zwei Cypher II UAV Prototypen abgeschlossen. Beide waren flugtauglich, ob sie in Serienproduktion gingen ist unbekannt. (16) Diese futuristisch anmutenden Prototypen werden in einigen UFO-Büchern als schon im Einsatz befindlich beschrieben und z.T. werden einfachste Bildmanipulationen durchgeführt, um diese Geräte bemannt und im Flug zu zeigen. Beschwörung der Kraft der Bilder!

Fakt ist, dass es immer geheime Militärprojekte im Kontext der Flugkörperentwicklung gibt. Der Stealth-Tarnkappenbomber ist dafür das beste Beispiel. Und es leuchtet auch ein, dass wegen der Möglichkeit der Industriespionage über etwaige Testflüge, Startversuche und Konstruktionspläne nichts bekannt werden darf. Doch wo werden solche Geräte entwickelt und getestet? Wahrscheinlich auf sicherem Militärgebiet, wie etwa der Groom Lake Air Force Base (Area 51). Natürlich wird dort etwas versteckt, nur müssen es eben keine UFOs sein und bei geheimen Forschungsprojekten muss eben auch keine Verschwörung im Spiel sein.


UFOs und conspiracies in der Bildenden Kunst

Die UFO-Begeisterung, die im Abstand einiger Jahre wellenförmig immer wieder aufflammt (17), ist vor allem im Kontext moderner Mythen zu verorten. UFO-Phantasien bieten stets eine Lösung für unerklärliche Phänomene an: eine außerirdische (magische) Macht als ambivalente Projektionsfläche, teilweise gekoppelt an quasi-religiöse Erlösungs- und technoide Errettungsphantasien – eine Art Science-Fiction-Heilsversprechen, teilweise aber auch als Ausdruck einer Technikphobie, einer latenten Angst vor dem Fremden oder dem Eindringling, vor der ungewissen Zukunft sowie der Machtlosigkeit des Individuums im vorherrschenden System. Verena Kuni nennt UFOs "Embleme einer Kontamination" (18) und hat die inhärente Ventilfunktion des UFO-Phänomens in Hinblick auf dessen mediale Kontextualisierung folgendermaßen beschrieben: "Ort und Zeit dieser ersten medialen UFO-Erscheinungen am Horizont der Moderne sprechen zunächst einmal natürlich sehr dafür, dass hier politisch begründete Ängste kanalisiert und metonymisch projiziert wurden: Die unmittelbare Kriegs- bzw. Nachkriegszeit – im Hintergrund also ein Konflikt, in den die Vereinigten Staaten involviert waren, ohne dass sie selbst wieder zum Kriegsschauplatz geworden wären, der sie jedoch erneut zu einem Einwanderungsland hatte werden lassen." (19)

Allerdings erzeugt das UFO-Phänomen auch einen Ort der Utopien und des Möglichkeitsdenkens und ist insofern dem gedanklichen Ort der bildenden Kunst, in dem Neues erprobt, Undenkbares gedacht und Rationalismus gegen Irrationalismus ausgespielt werden kann, strukturell sehr ähnlich. UFO- und Kunstgemeinde teilen den Hang zur futuristischen Theorie und zur Befragung des Bestehenden. Beide Bereiche liefern Beschreibungsmodelle für das Unbegreifliche, Nicht-Verifizierbare, Bilder für das weithin ausgegrenzte Andere.

Wie eng das UFO-Phänomen thematisch mit dem Kontext des Magischen – als dessen quasi aktuellste Version – verknüpft ist, zeigt die Multi-Media-Installationsarbeit "Esprit de l'Escalier", die Barbara Bloom auf der Biennale von Venedig im Jahr 1988 präsentierte. Darin verhandelt Bloom unterschiedliche Themen wie Materialisationsphänomene, Okkultismus und eben auch UFOs. Vier Räume zeigen in unterschiedlichen Bearbeitungen, dass man dem Gesehenen stets mit einer gewissen Skepsis begegnen sollte. Im ersten Raum hängen sechs Fotos von UFO-Sichtungen, z.T. überlappt von Textkommentaren in Blindenschrift. Eine gelungene Visualisierung des Misstrauens gegenüber dem Primat der Optik – das Foto, das angeblich die Wirklichkeit zeigt, ist ein Fake, der "unsichtbare" Text dagegen erzählt die Wahrheit. Bedeutungsträger-Transformationen – die Sinne als Agenten des Falschen. Im nächsten Raum steht ein mit sechs Tellern eingedeckter Tisch. Auf den Tellern befinden sich historische Darstellungen von spiritistischen Seancen, in deren Verlauf sich angeblich Übersinnliches ereignete (fliegende Objekte, durch die spirituellen Fähigkeiten des anwesenden Mediums erzeugtes Ektoplasma, etc.). Der Tisch als Ort der Begegnung und Kommunikation und zugleich als magischer Ort der Beschwörung des Übersinnlichen. In Raum 3 sind wiederum sechs UFO-Fotografien zu sehen, allerdings nicht als normale Negativabzüge, sondern in Form von durchscheinenden Wasserzeichen. Diese sonst von Geldscheinen bekannte Darstellungsform ist nur erkennbar, weil die Fotos in Leuchtkästen montiert sind. Was sonst Unsichtbares sichtbar macht, dient hier der Sichtbarmachung von Unwirklichem. Im letzten Raum, der in blaues Licht getaucht ist, hängen schließlich sechs UFO-förmige Gebilde aus Gaze (das Material, das dem angeblichen Ektoplasma am ähnlichsten ist) von der Decke. Bloom analysiert in ihrer Arbeit den ästhetischen Gehalt dessen, was wissenschaftlich unhaltbar ist und hinterfragt gleichzeitig den Realitätsanspruch moderner Bildmedien und des technokratischen Materialismus.

Ähnlich geht auch Hans Weigand in seiner dreiteiligen Installation aus dem Jahr 1998 vor. Allerdings ist der Fake bzw. die Bearbeitung von Realität bei ihm direkt ersichtlich. Er wählt somit den vermeintlich einfachsten Zugang zum Thema, denn was liegt näher, als UFO-Fotos zu "fälschen". Die Bilder an den Galeriewänden bestehen aus maltechnisch überarbeiteten eigenen Fotos und Abbildungen aus UFO-Büchern, die am Computer unscharf maskiert wurden und schließlich – im klassischen Gewand des kunstmarkgerechten Tafelbildes – auf Leinwand gedruckt und mit Lösungsmitteln malerisch überarbeitet sind. Künstlerische Motivbefragungen in einer Zeit, in der das Foto (und in Zukunft auch das Video (20) seinen Realitätsstatus längst völlig eingebüßt hat. Fotografien sind aufgrund der kaum noch nachweisbaren Manipulationsverfahren bereits seit einiger Zeit nicht mehr als gerichtliche Beweismittel zugelassen. Indem Weigand nun gerade solche UFO-Bilder verunklart und überarbeitet, von denen die Allgemeinheit und insbesondere der Wissenschaftsbetrieb sowieso annehmen, sie seien das Resultat von Manipulationen, verkehrt er die Strategien der Realitätsbefragung nach dem Motto: unecht x unecht = echt. Hier steht Weigand ganz in der Tradition der Moderne, wenn er versucht, durch Transformation das Unsichtbare sichtbar zu machen. Natürlich tut er dies nicht naiv, sondern aus der Warte des distanzierten Ironikers. So werden die geometrischen Formationen von Kornkreisen – angeblich Spuren von UFO-Landungen – zu bloßen Designmustern umfunktioniert. Weigands Pneuma-Objekte in unterschiedlichen Formaten sind mit eben diesen bedruckt. Lesbar sind diese Zeichen nur für Insider. Mobiliar für Gläubige. Vollends ins Komische verkehrt der Künstler das Thema UFOs in einer 25--minütigen Videoarbeit, gedreht mit verwackelter Handycam (normalerweise Garant für Authentizität!): da gibt es Szenen, in denen diverse Personen auf vorüberfliegende UFOs deuten, ein Vorortbewohner wird von einem UFO beim Blumengießen überrascht, ein Alien schläft seinen Jetlag aus und irrt, nur unzureichend getarnt mit der Faschingsmaske eines Außerirdischen, durch die Straßen von Los Angeles. (21)

Auf den ersten Blick sehr viel ernster, fast schon wissenschaftlich-humorlos, bearbeitet dagegen ein anderer Spurensucher die Thematik. Chris Wilder nimmt ernst, was von sonst niemandem ernst genommen wird und verfolgt so eine künstlerische Strategie der Konzentration auf gesellschaftliche Randphänomene.

"Wenn etwa der kalifornische Künstler Chris Wilder die hysterische Diskussion über angenommene außerirdische Flugobjekte in der Öffentlichkeit zum Gegenstand ästhetischer Studien macht, indem er eine Studie der amerikanischen Regierung über UFO-Phänomene zunächst nachdruckt, um ihre kartographischen Abbildungen und Illustrationen als ästhetisches Material zu behandeln, wird deutlich, dass die künstlerische Revision des wissenschaftlichen Urteils nicht eine esoterische Privatwissenschaft erstrebt, sondern die ästhetische Verfassung des Wissenschaftlichen auf dem Felde der Kunst simuliert wird, um die Konstruktion und Präsentation von Wahrheit und Irrtum zu analysieren. Wilder betrachtet die skurrilen UFO?Beobachtungen als eigenständige, konzeptuelle ästhetische Einheiten und Aussagen." (22)

Wilder arbeitet ganz konkret mit dem 1966 veröffentlichten Report "Project Blue Book", aber er erstellt einen Fake bzw. eine Nachahmung im Kunstgewand. Wilder gab 1995 einen teilweisen Reprint heraus. Die so vorgenommene Kontextverschiebung verändert den Blick auf die Material- und Datensammlung der US-Regierung. Für seine Kunstwerke verwendet Wilder Bilder aus dem Report und druckt diese einfach in schwachen Blautönen auf Büttenpapier. Keine künstlerische Bearbeitung, keine Transformation, kein Kommentar – Wilder verlässt sich auf die Kraft des Diskurses und befragt das Blue-Book-Material auf seine ästhetischen/künstlerischen Qualitäten. Der gesellschaftliche Status von Wissenschaftlichkeit wird so dank der Kunst mit dem Ziel unterminiert, dass die seriöse Forschung ihre nicht weiter legitimierbare Aura einbüßt. Wilder entdeckt in den Fotos des Project Blue Book einen eigenständigen ästhetischen Bildtypus, den er mit den dokumentarischen Schnappschüssen der frühen Konzeptkunst und den lediglich an Authentizität und Dokumentation orientierten Fotografien der Land Artisten vergleicht. Die Fotografen bleiben in allen Fällen meist ungenannt, ihre eigentümlichen amateurhaften Fotos enthalten jedoch immer einen gewissen Grad an dokumentarischer Bedeutung – doch gerade diese muss aufgrund der nachträglich festzustellenden Ästhetisierungstendenz als Inszenierung verstanden werden. Für die UFO-Fotos gilt außerdem, dass mit ihnen versucht wird, etwas zu beweisen. Dazu werden vielfach Orte gezeigt, wo angeblich etwas unheimliches passiert ist, dann allerdings nachdem es passiert ist – somit handelt es sich um nichtssagende Fotos oder es wird etwas konstruiert, um Authentizität zu suggerieren.

"Darum ging es mir, als ich damit angefangen habe, die Bilder aus Project Blue Book abzudrucken. Ich wollte die Frage aufwerfen: "Was ist Kunst?" Diese Fotos wurden zu meiner Kunst, weil sie anonym sind. Es ist völlig egal, wer sie gemacht hat, mir geht es um das Bild. Wenn Sherrie Levine sich ein Foto von Walker Evans aneignet (appropriates), geht es um die Frage: "Wer hat dieses Foto gemacht?" Ich entschied, mir gefällt dieses Bild, ob es sich nun auf Konzeptkunst bezieht oder bloß ein fake ist, ist nicht weiter von Bedeutung. Nachdem sie 85.000 Seiten an Information gesammelt hatte, entschied sich die Air Force in Project Blue Book dafür, dass UFOs nicht existieren. Es ging darum, etwas Nichterklärbares darzustellen, und das führte schließlich auf überhaupt nichts – und genau darum ging es." (23)

Weiterhin begreift Wilder die UFOs künstlerisch, er sieht in ihnen so etwas wie virtuelle Kunstwerke: "Mich interessiert das UFO unmittelbar als skulpturales Objekt – aber als eines, das keine Präsenz hat." (24)

Doch das UFO-Motiv kann auch zum Spiel mit den Geschlechterstereotypen eingesetzt werden, wie etwa im Werk von Sylvie Fleury, die ja für die Form der konsequenten Aneignung von Objekten und Aussagen aus den Bereichen Konsumwelt und Massenkultur bekannt ist. Dabei geht es ihr oft um Grenzverschiebungen und Kontextveränderungen mit dem Mut zur Banalität und Peinlichkeit. So hat sie natürlich auch keine Angst vor Stereotypen und vor geschlechtlich konnotierten schon gar nicht, was die Serie der Raketen und UFOs beweist. Die Raketen symbolisieren hier angeblich männliche Wissenschaftsgläubigkeit und damit einhergehenden Technikkult. Allerdings überzieht Fleury diese dann mit dem Klischee nach weiblich konnotiertem Puschelstoff, versieht sie mit den Farben aktueller Nagellacke oder drapiert sie einem Sitzkissen gleich in bester Claes-Oldenburg-Manier als "Soft Rockets" auf dem Boden. Die gold- und silberfarbenen UFOs sind aufblasbar und erinnern mit ihren weichen Formen mehr an eine handschmeichelnde überdimensionale Seife als an todbringende Raumschiffe aggressiver Aliens. UFOs als Projektionsflächen für den Geschlechterdiskurs?

"Diesen mit Träumen, Visionen und Zukunftsphantasien angereicherten Bereich einer mehrheitlich vom Männern beherrschten Wissenschaft, Forschungs- und Expeditionsauffassung konterkariert Sylvie Fleury, indem sie die Außenhaut der Raketen und die konstruktiven Elemente mit plüschigem Pelzgewebe verkleidet, dessen Disfunktionalität im eklatanten Gegensatz zu der stromlinienförmigen Funktionalitätsorientierung dieser Maschinen stehen. Die flauschige Haut der Rakete widerspricht der Vorstellung eines phallischen Geschosses mit seiner metallischen, ans Ätherische grenzenden Ummantelung derart, dass es dieser Überzug zu sein scheint, der den Abschuß ins All zu verhindern scheint." (25)

Während viele Künstler mit dem UFO-Motiv arbeiten, geht Yinka Shonibare tiefer, soll heißen: in die UFOs hinein und erkundet, wer oder was sich dort verborgen hält. Er stellt uns die Außerirdischen in ganz irdischer Manier und wenig angsteinflößend vor. Im Ausstellungsraum tummeln sich ganze Familien von Aliens samt Kindern. Doch irgendwie kommen einem die Wesen sehr bekannt vor. Shonibare greift auf die Standards aus Science-Fiction-Filmen zurück, die allesamt von den Aussagen und Phantomzeichnung von Kontaktlern – Menschen, die angeblich mit Aliens in Berührung kamen – inspiriert sind. Daher die menschenähnlichen Körperformen mit Armen und Beinen sowie die überdimensionierten Köpfe mit großen schwarzen Schlitzaugen. Genauso sehen Aliens in UFO-Büchern aus (seit einigen Jahren auch auf den Logos und Emblemen der Technokultur). Shonibare stellt also das Bekannte im angeblich Anderen vor, außerdem eröffnet er den Diskurs um Fremdheit. Sind wir heute nicht alle irgendwie Aliens oder wie eine populäre HipHop-Textzeile es nahe legt "Fremd im eigenen Land"? Shonibares Aliens bestehen aus Batikstoffen mit afrikanisierenden Mustern (sie sind tatsächlich in England hergestellt, der Künstler bedient sich somit des Klischees vom exotischen Textildesign), um den Aspekt des Exotismus zu verstärken und thematisiert so wie nebenbei Inhalte wie Kolonialismus, Identität, Entfremdung und rassistische Vorurteile. (26) Ein hintergründiger Kommentar auf das multikulturelle Großbritannien der Gegenwart. Der Alien wird zur Imago des Anderen, allerdings weniger eines angsteinflößenden Anderen als vielmehr eines freundlichen. Indem Shonibare zwei Alienfamilien mit ihren je zwei Kindern an statistischen Werten der Durchschnittsfamilie orientiert und sie wie Kinderspielzeuge aussehen lässt, präsentiert er ein Gegenbild zum Alien als Invasor, dem bösartigen Eindringling, der spätestens seit H.G. Wells "War of the Worlds" gemeinhin eine Bedrohung für die gesamte Menschheit darstellt.

Manchmal muss man jedoch die Messages zu lesen wissen (also eingeweiht sein!), wenn – weniger direkt als in Shonibares Werk – Aliens eine Rolle spielen. Jean Michel Basquiat beispielsweise nimmt in seinem aus mehrteiligen Paneelen bestehenden Gemälde "Life Like Son of Barney Hill" u.a. versteckt bezug auf die UFO-Thematik. Das Ehepaar Betty und Barney Hill zählt zu den sogenannten Abduzierten – den angeblichen Opfern von UFO-Entführungen. Der Fall Hill war sogar der erste, der weltweit durch die Presse ging. Den eigenen Aussagen zufolge wurde das Ehepaar in der Nacht des 19. September 1961 auf der Rückfahrt eines Kanadaurlaubs auf der Route US 3 nahe dem Wohnort Portsmouth, New Hampshire, von einem leuchtenden Flugobjekt verfolgt. Plötzlich fehlten den beiden zwei Stunden Zeit, an die sie keinerlei Erinnerung hatten. Erst mit Hilfe der mittlerweile sehr umstrittenen sogenannten regressiven Hypnose "erinnerten" sich die Hills, dass sie im Raumschiff der Fremdlinge gewesen seien und dort gegen ihren Willen auf schmerzhafte Art medizinisch untersucht worden wären. (27) Was ist dort mit den Hills passiert, was waren das für Untersuchungen? Genau auf diese Fragen, die sich damals sehr viele Leute stellten, zielt ein Teil des Bildes von Basquiat. Auf dem zweiten Paneel ist neben zahlreichen UFO-Zeichnungen, Fotokopien und Diagrammen zu optischen Phänomenen sowie der Namensauflistung von Betty Hill und Barney Hill, besonders ein riesiger deformierter, einäugiger Kopf hervorzuheben, unter dem in großen Lettern die Frage "Son of Barney Hill?" geschrieben steht. (28) Vielleicht waren es ja gar keine normalen Untersuchungen, die die Aliens vornahmen, scheint Basquiat ironisch-zynisch zu fragen. Vielleicht handelte es sich vielmehr um einen gezielten Eingriff, bei dem Hill Spermien entnommen wurden, um nachfolgend Alien-Mensch-Hybride zu züchten? Hill-Zyklopen-Monstren wie dargestellt? Hier ist sie wieder die Urangst der Menschen vor dem Zugriff von Außen, die Xenophobie. Da Basquiat in seinem Ouvre vielfach die Frage nach der Hautfarbe thematisierte, und sich selbst in der Rolle des schwarzen Dandys im von Weißen dominierten Kunstsystem gefiel, steht auch der titelgebende Protagonist Barney Hill zugleich als afroamerikanische Medienberühmtheit und als fremdbestimmter Ausgebeuteter vor uns.

Ebenfalls Abduktionen und UFO- bzw. Alien-Sichtungen behandelt die Installation "Witness" von Susan Hiller; die im Jahr 2000 in der Tate Britain präsentiert wurde. Es hängen Hunderte kleiner Lautsprecher von der Decke und von überall her vernimmt man ein seltsames Wispern und Erzählen. Hiller, die sich in ihrem Werk stets mit paranormalen und unerklärlichen, irrationalen Erfahrungen auseinandersetzt, hat im Internet über mehrere Jahre Hunderte von Zeugenaussagen angeblicher UFO-Entführungsopfer sowie unterschiedlichste Sichtungserlebnisse zusammengetragen. Ohne inhaltliche Wertung stellt sie diese nebeneinander, sie untersucht nicht die Echtheit der Erzählungen, sondern führt sie als tragende Elemente eines geheimen Diskurses, der jenseits aller öffentlichen stattfindet, vor. Was der utilitaristischen Weltsicht nicht entspricht, wird gemeinhin ausgegrenzt und vom Diskurs ausgeschlossen, denn es wird nicht als verhandlungswürdig erachtet. Der Widerstand gegenüber solchen Randgebieten reicht soweit, dass, wer diese ernst nimmt, selbst schon in ein komisches Licht gerückt wird, was wahrscheinlich mit ein Grund dafür ist, dass kaum wissenschaftliche Forschungen in diesem Bereich stattfinden. Ganz so, als sei die Integrität und Rationalität eines Forschers allein dadurch in Frage gestellt, dass er die angeblichen Opfer anhört und ihre Geschichten diskutiert. Das sagt mehr über soziale Zwänge und den Kampf zwischen Rationalismus und Irrationalismus aus, als über die eigentlichen Phänomene. Hiller gibt nun den Opfern bzw. Zeugen eine Stimme. Hier ein Beispiel:
"I am a security guard on the Central Pier in Blackpool. I want to keep my job, so I will not give out my name. Around 2 am on February 24, suddenly I felt the main pier rattle and vibrate as if struck by a very heavy swell – yet the tide was out. This was a very strong physical sensation. I rushed outside and saw a ball of orange light over the sea to the south. It shot into the distance incredibly fast, making a roaring noise, and then it vanished north-westwards. There was a lingering smell, a bit like ozone. About 30 minutes later, I gazed in complete amazement as a series of white lights climbed up from the Irish Sea. These lights then spiralled in unison in an organised formation, into the clouds and disappeared from my sight. The lights were separate from each other and incredibly bright. The whole experience left me with a sense of wonder and amazement." (29)

Manche der Berichte sind prosaisch, andere deskriptiv wie Zeugenaussagen vor Gericht, wieder andere visionär und märchenhaft. In Hillers Installation werden sie jeweils in den Originalsprachen vorgetragen. Die Lautsprecher hängen aus einer Kreuzform von der Decke herab, was den quasireligiösen Charakter des Verhandelten unterstreicht. (30) Es ist eine Arbeit über die Sinne (soll man seinen Augen und Ohren trauen?), den Glauben und zugleich über die Akzeptanz von gesellschaftlichen Randgebieten. Im Übrigen ist es mutig, sich im hart umkämpften zeitgenössischen Kunstsektor mit "peinlichen" Themen wie diesen zu beschäftigen. Außerdem bleiben die Aliens in "Witness" unsichtbar, sie sind bilderlos nur als Beschreibungen präsent. Sie bleiben dem Kontext moderner Mythen verhaftet, versteckt hinter Vorstellungsklischees, ganz so als seien sie im Unbewussten der "Zeugen" versteckt, sozusagen als Archetypen, zu denen man keinen tieferen Zugang hat.

Im Unterschied zum UFO-Phänomen ist bei den Verschwörungstheorien die Nähe zur Kunst eher im heimlichen Informationsgehalt zu suchen. Oft ist beispielsweise ein Bild, Foto oder Video nicht, was es zu sein vorgibt, es enthält versteckte Botschaften, die nur von Eingeweihten (den Verschwörern) zu entschlüsseln sind. Das Einarbeiten von Codes und Zahlensymbolik, gestischen oder farblichen Andeutungen, miteinander verstrickten bedeutungsbildenden Einzelelementen, etc. – ein beliebtes Rätselspiel mindestens seit der Buchkunst des Mittelalters. Bildverrätselungen. Waren also Nicolas Possin und Jean Cocteau (angeblich der 23. Großmeister der Prieuré de Sion) Mitglieder einer Geheimgesellschaft, die in ihre Werke philosophische Lektionen bzw. esoterisches Wissen integrierten, war Beethoven ein Illuminat, Boccioni ein Spiritist, Max Ernst bzw. die Surrealisten Anhänger des Okkultismus? (31) Es sieht aus, als müsse man nur den jeweiligen Code knacken, um dahinter zu kommen.

In einem gemeinsamen Buchprojekt samt Posterserie stellen die Künstler Volker Eichelmann, Roland Rust und Johannes Schweiger eine Sammlung von Merkwürdigkeiten und Conspiracies vor. Es handelt sich um eine Art alltagskulturelle Analyse, die folgender Frage nachgeht: "What does it mean when a whole culture dreams the same dream". Neben allerlei skurrilen Geschichten werden auch Fakten aus dem Kontext des Verschwörungsdenkens aufgereiht, etwa die überraschenden Parallelitäten im Lebenslauf der beiden US-Präsidenten Abraham Lincoln und John F. Kennedy. Beispielsweise wurden beide Opfer eines spektakulären Attentats, Lincoln wurde 1846 und Kennedy exakt 100 Jahre später – 1946 – in den Kongress gewählt, die Nachnamen beider Präsidenten zählen 7 Buchstaben, Lincoln wurde im Jahr 1860 und Kennedy im Jahr 1960 Präsident der USA. Die Frauen beider Präsidenten verloren ein Kind im Weißen Haus. Lincolns Sekretär hieß Kennedy, Kennedys Sekretär hieß Lincoln. Lincoln wurde in einem Theater namens Kennedy erschossen, Kennedy wiederum in einem Auto, das Lincoln hieß u.s.w.

Die Logik dahinter ist die von Zahlenspielen, scheinbar logischen Kausalzusammenhängen, willfährigen Tätern im Dienste einer höheren, alles genau planenden, omnipotenten Macht.

Hier werden bekannte Conspiracies lediglich aufgelistet und mit anderen geheimnisvollen Dingen vermischt, um eine alternative Lesart der Welt zu produzieren und die Frage "Was wäre, wenn...?" zu lancieren. Unruhe stiften, Verunsichern, Ängste schüren – das sind Guerilla-Taktiken, die nun auch die Künstler auf ironisch-distanzierte Weise für sich in Anspruch nehmen.

Seit 1998 arbeitet das Künstlerduo Andree Korpys und Markus Löffler an der Reihe der Konspirativen Wohnprojekte. Dabei verfolgen sie den Weg von der Recherche (1998) über die Simulation (1998) bis hin zum Modell (2001). Ausgangspunkt der künstlerischen Befragung ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine reale Verschwörung, nämlich die der Rote Armee Fraktion gegen den deutschen Staat, die in diversen Anschlägen und Entführungsfällen des sogenannten "deutschen Herbstes" gipfelte.

Beim ersten konspirativen Wohnprojekt namens "Spindy" (in Anlehnung an den Codenamen einer R.A.F.-Aktion) haben Korpys/Löffler sich in eine Art Designrecherche vertieft. Es handelt sich um eine dokumentarische Arbeit in Buchform über das Inventar einer Wohnung, die im Jahr 1977 als Zufluchtsort für Terroristen diente, die in Bremen das Bankhaus Neelmeyer überfielen. Ein Originalfoto des Wiesbadener Bundeskriminalamtes (besonders pikant sind die auf dem Boden liegenden Banderolen der Geldbündel) wurde von Korpys/ Löffler verwendet, um mehr als zwanzig Jahre später die Wohnungseinrichtung bzw. das Inventar des Bremer Apartments 75 im 14. Obergeschoss der Voltmerstraße 45 zu recherchieren. In der zugehörigen Veröffentlichung des Revolver Verlages sind dann auch Regale, Stühle, die Foto-Tapete, etc. abgebildet – dazu sind Textauszüge der Original-Vernehmungsprotokolle der Bankangestellten, ein Zeitungsartikel sowie Teile des Protokolls des Beamten, der die konspirative Wohnung untersuchte, abgedruckt. Diese erste Arbeit zum Thema ist von Korpys/Löffler immateriell konzipiert, es gibt nur das Buch und keine kunstmarktgerechten, veräußerbaren Werke. "Spindy" ist eine besondere Form der Bestandsaufnahme dessen, was man als innenarchitektonischen Mainstream bezeichnen kann. Die Funktion der Einrichtungsgegenstände besteht darin, möglichst unauffällig und billig zu sein – ganz so, dass niemand anhand des Inventars einer Wohnung Verdacht schöpfen bzw. Rückschlüsse auf die Mieter ziehen kann. Die Künstler zeichnen hier ein verstörendes Bild der Zeit und betonen in ihrer Arbeit das investigative Moment. Der Künstler als Suchender, nur eben in einem eher abseitigen Gebiet. Eindringen ins Innere über den Umweg der Äußerlichkeit/Nebensächlichkeit.

Für die Fortsetzung des konspirativen Wohnprojektes im höchst artifiziellen Raum einer Förderkoje der Galerie Otto Schweins auf der Art Cologne 1998 haben Korpys/Löffler ein Bremer Innenarchitekturbüro gebeten, Entwürfe einer möglichen konspirativen Wohnung der neunziger Jahre zu erstellen. Das Ergebnis beinhaltet dementsprechend die obligatorischen aufblasbaren Sessel statt der siebziger Jahre Ikeasessel ("Sessel Gogo, Ikea ca. 1976) und ein Pulp-Fiction-Filmplakat statt des Picasso-Kunstdrucks ("Kind mit Taube", 1901), also wiederum den zeitgemäßen unverdächtigen stereotypen Einrichtungsmainstream. Diese 90er-Jahre Wohnung ließen die Künstler schließlich realiter bauen, um sie dann zu zertrümmern. Transformation von krimineller in künstlerische Energie. Neben den Zeichnungen von Korpys/Löffler nach dem Fotomaterial des BKA, den Innenarchitekturentwürfen und den Fotos der zertrümmerten Wohnung gehört auch ein Video mit dem Titel "Studio 77" zur Arbeit "Konspiratives Wohnprojekt II". Das Video zeigt in Anlehnung an Michelangelo Antonionis Filmklassiker "Zabriskie Point" Sprengungssequenzen von Architekturattrappen, etwa des World Trade Centers, des Pentagon und des UN-Gebäudes (und schon ist man wieder beim Thema WTC-Conspiracy). Untermalt werden die wegen des unstimmigen Maßstabs der Topfpflanzen im Vordergrund und der Kamerafahrt über die zerstörten Modellbauten deutlich als Nachstellung erkennbaren Szenen mit der Musik von Pink Floyd, die auch schon Antonioni zur Dramatisierung der Bilder des auseinanderberstenden Hausmobiliars verwendete.

In der vorerst wohl letzten Weiterführung, dem konspirativen Wohnprojekt III namens "Set", haben Korpys/Löffler einen Teil der RAF-Wohnung in einer Art Schaubühnen-Situation rekonstruiert. Auf dem Original Toshiba Fernseher (ca. 1975) laufen Amateurfilme aus der Kinderzeit der Künstler, im Regal "Doppel-Loch" (ca. 1971) befinden sich allerlei recherchierte Gegenstände vom Bierkrug bis zur Schreibmaschine. (32) Eintauchen in den Verschwörungszirkel. Es bleibt abzuwarten, ob die Künstler durch ihre Recherchen auch vom Verschwörungsdenken infiziert werden. Zumindest an einigen Stellen eines Konzeptpapiers klingt die Paranoia durch: "Wohnungssuche bzw. -findung liefen unter dem entscheidenden Kriterium: Sicherheit. Das entsprechende Haus, in dem wir eine Wohnung mieteten, musste ein unauffälliges Rein und Raus diverser Leute garantieren. Nachbarschaftliche Anonymität war zwingend. Punkt 2 und 3 auf der Checkliste: die Verkehrsanbindung und das Wohnungs-vis-a-vis. Vor Beobachtung durch die Fenster mussten wir sicher sein. (...) Eine böse Überraschung erlebten wir bei einer Besichtigung. Zur "Sicherheit der Bewohner vor terroristischen Anschlägen" (O-Ton Makler) waren die Hauseingänge mit Video-Kameras ausgestattet. Danke für diesen Hinweis."

Um die Bandbreite wie auch die Tiefe der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Konspiration und UFO deutlich zu machen, sollen abschließend noch zwei Künstler vorgestellt werden, die sich auf besonders komplexe Weise mit diesen Gebieten beschäftigen.


Zwei Fallbeispiele

Jörg Zboralski

Ausgehend von Sigmar Polkes Bilderzyklus "Höhere Wesen befahlen...", in dem die Kreativität und künstlerische Eingebung weder aus dem Subjekt selbst (Moderne), noch aus einer Verbindung mit der göttlichen Sphäre (Antike), sondern auf ironische Weise mit dem Einwirken einer fremden Macht erklärt werden, untersucht Jörg Zboralski die Geschichte der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts im Hinblick darauf, wer denn außer Polke noch Kontaktler oder besser Befehlsempfänger von Aliens gewesen sein könnte. In der Arbeit "54 Sternenbrüder" sind Musiker und bildende Künstler aufgelistet, die Zboralski zufolge Kontakt zu außerirdischen Intelligenzen hatten: etwa die Musiker Stockhausen, Coltrane, Sun Ra, aber auch Zeitgenossen aus dem HipHop- und Technokontext wie Grandmaster Flash, Photek und Jeff Mills; unter den Künstlern befinden sich Konstruktivisten wie Tatlin und Rodschenko, aber auch Brancusi, Pollock, Palermo, Smithson, Basquiat und Matta-Clark. Diese geheimen Verbindungen zwischen irdischer und außerirdischer Intelligenzia quasi-wissenschaftlich – doch explizit im Feld der Kunst situiert – nachzuweisen, ist das Anliegen beinahe aller Werke von Zboralski. Spurensuche der anderen Art, formal angelehnt an das pseudowissenschaftliche Vorgehen von Ufologen und Konspirologen: Behauptungen treten an die Stelle von Beweisen, Verbindungslinien werden gesetzt, wo keine hingehören, gesunder Menschenverstand weicht formal eingesetzter Logik. Außerdem macht es Zboralski Spaß, "Grenzen zu verwischen". (33)

Die erste Arbeit zum Thema zeigte er 1997 in der Ausstellung "Area 51", wo er 5 Künstlerkollegen (u.a. Martin Honert und Jörg Paul Janka) einlud, Kunstwerke auf der Grundlage der von ihm ausgewählten UFO-Sichtungsberichte zu produzieren. Diese wurden dann im Rahmen der Ausstellung präsentiert und von Zboralskis Vitrinen kontrastiert. Diese waren mit Materialien bestückt, die den Zusammenhang von Kunst und Ufologie beweisen sollten. Hochgezoomte Flecken oder Staubpartikel in Fotos von Werken eines Fontana oder Palermo wurden hier zu angeblichen UFO-Fotos umgedeutet, ganz so wie auf den Beweisfotos der Ufologen oftmals auch Reflexe, Flecke oder andere Störfaktoren fehlinterpretiert werden.

In einem späteren Zyklus – den Basler Flugblättern – greift Zboralski auf die gleichnamigen frühneuzeitlichen Vorläufer von Zeitungen zurück. Darin wurden allerlei Sensationsmeldungen zu Papier gebracht. Das Medium Flugblatt bediente das gesteigerte Interesse an ungewöhnlichen Erscheinungen und unerklärlichen Geschehnissen. So bekundete der Buchdrucker Samuel Coccius in einem seiner Holzschnitte, er habe am 7. 8. 1566 in Basel gegen Sonnenaufgang "vil großer schwartzer kugelen im lufft gesehen, welche für die Sonnen mit großer schnelle vnnd geschwinde gefahren" seien. (34) In den Vitrinen dieser Serie stellt Zboralski alte Zeichnungen und Holzschnitte den Abbildungen von Land Art Kunstwerken und sogar Kornkreisen gegenüber. Er sieht keinen ästhetischen Unterschied zwischen den frühen Abbildungen unerklärlicher Phänomene in den Flugblättern, den seit den achtziger Jahren auftretenden geheimnisvollen Kreisen in Kornfeldern und den Arbeiten eines Richard Long oder Robert Smithson. Stets lassen sich alle Formen (ganz so wie bei den unterschiedlichen UFO-Sichtungen) auf eine gestalterische Urform – den Kreis – zurückführen. So wird der Nachweis erbracht, dass alle Beteiligten von Außerirdischen geleitet wurden. Die These wird sogar noch durch weltliche Fakten untermauert. Aus den frühen und mysteriösen Toden der Künstler Wilhelm Lehmbruck (Suizid) und Robert Smithson (Flugzeugabsturz beim Überfliegen eines seiner Kunstwerke) leitet Zboralski ab, dass beide offensichtlich zuviel wussten. Die Conspiracy lautet: Durch ihr Wissen stellten sie eine Gefahr für SIE dar und wurden folglich aus dem Verkehr gezogen! Wiederum bedient sich der Künstler der Vorgehensweise von Konspirologen und Ufologen. Der Beweis, dass auch Lehmbruck ein Kontaktler war, wird zusätzlich auf besonders skurrile Weise gestützt. Fotografiert man Lehmbruck-Skulpturen unscharf und in fahlem Licht, sehen sie aus wie in der UFO-Literatur beschriebene Aliens (vgl. die Abbildungen zur Serie). These: Man könnte den Bericht eines Alien-Sichtungserlebnisses unbemerkt in einen kunstgeschichtlichen Text eines Lehmbruck-Kataloges integrieren. Die Beschreibung wäre äußerst treffend, denn "in 64% der Fälle werden Aliens als gebrechlich dünn angegeben. Ohne wirkliche Muskulatur, dünnhalsig und mit engen Schultern wie ein Skelett (...) prekär mit riesigen Köpfen (...) unproportioniert zum Rest des Körpers – mit mageren Gliedern und eingefallener Brust." (35) Genauso sehen nach Zboralskis Meinung auch die Skulpturen von Lehmbruck aus. Ein weiterer Beweis für den Kontakt zu einer höheren Macht liefert der Künstler mit Hilfe einer Beschreibung von Hans Richter zu Lehmbruck: "Die Transzendenz seiner Werke, die den Raum erfüllte, färbte sozusagen nur durch einen Bewusstseinsprozess auf die Person Lehmbrucks ab. Es schien, als ob ein Gott offenbar direkt durch ihn sprach (...). Dann war er plötzlich abgereist, und einige Zeit später, noch plötzlicher, hörten wir die völlig unverständliche Nachricht von seinem Selbstmord. Was dieses einmalige deutsche Bildhauergenie zu diesem Schritt getrieben hat, ist bis heute offenbar ungeklärt." (36) So konstruiert man Verbindungen und propagiert scheinbar logische Schlussfolgerungen. Doch Zboralski geht noch weiter, er erklärt uns in der Arbeit "unknown reality", dass sogar der Bau des Kölner Doms von Außerirdischen in Auftrag gegeben wurde. Der Kölner Heilige Albertus Magnus (1193-1280), den seine Zeitgenossen aufgrund seiner hohen Bildung auch den "doctor universalis" nannten, habe den Grundriss von Aliens empfangen.

"Eines Nachts – so die Legende – kniete er, in ein Gebet vertieft, in seiner kargen Zelle im Kölner Dominikanerkloster, als er leise Schritte hörte. Er schaute auf und sah in der Mitte seiner Zelle "ein Kindlein" stehen. Das wiederum führte vier "Männer silberweiß" mit sich, die "Zirkel, Maß und Waage" bei sich trugen. Laut der Legende zeichneten sie an der Wand seiner Zelle "Bogen und Türme...nach Kreis und Maß". Es war der Bauplan einer Kirche, nämlich des zukünftigen Doms. Die Besucher wiesen Albert an, sich das Bild zu merken. Dann verschwanden sie und mit ihnen die Zeichnung." (37)

Einem Universalgelehrten muss man glauben, schließlich ist er über jeden Zweifel erhaben. So jemand irrt, halluziniert und fehlinterpretiert nicht! Beweisführungen abgeschlossen. Nein, noch nicht ganz, schließlich führt Zboralski stets noch weitere Argumente als rein textlich-logische an. In einer OHIO-Vitrine zu einer Kölner Ausstellung sind einige fotografische Nachweise zusammengetragen, etwa ein UFO, das neben dem Kölner Dom gesichtet wurde (wiederum bestehend aus einem hochgezoomten Staubkorn). Auf der Vitrinenscheibe ist ein großformatiger Beweis in Form eines Ornaments angebracht. Nur dass dies kein gewöhnliches Ornament ist: Doppelt man die Grundrisszeichnung des vorderen Schiffes des Kölner Domes, ergibt sich nicht nur eine Kreisform (was sonst?), sondern eben auch der Konstruktionsplan eines UFOs. Wer sonst also hätte den Dom auf der Grundlage dieser versteckten extraterrestrischen Form entwerfen können? Man darf schon jetzt auf Zboralskis Space-Sisters gespannt sein.


Piet Wessing

Ein weiteres äußerst vielschichtiges und subversives Werk zum Thema Verschwörungstheorien stellt das in 19 Teilen konzipierte "Conspiracy Project" dar, an dem Piet Wessing seit 1999 bis heute arbeitet. Sieben der geplanten 19 Teile liegen bereits vor, jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge, statt dessen wurden die Teile 1, 4, 7, 11, 17, 18 und 19 realisiert und in unterschiedlichen Kontexten wie Galerieausstellungen, Gruppenschauen, im Internet (38) und auf der Art Frankfurt präsentiert. Alle Einzelprojekte thematisieren unterschiedliche Aspekte von Conspiracies wie etwa Desinformation, Überwachung, Attentate oder außerirdisches Leben. Wessing möchte das Verschwörungsdenken ausweiten und den Betrachter gezielt verunsichern, ganz gemäß dem Slogan "Sehen heißt glauben. Glauben heißt, nicht zu wissen. Bedeutet dies also, dass sehen heißt, nicht zu wissen?" oder als logische Konsequenz daraus: "Wenn sie es sehen, glauben sie es auch. Und wenn sie es glauben, dann wissen sie es nicht." (39) Dabei ist Wessing weder ein Konspirologe noch ein Kritiker, sondern vielmehr ein Zweifler am Bild, wie auch am Kunstsystem. Ihm erscheint der vielfach unterstellte Wahrheitsgehalt von Kunstwerken äußerst fragwürdig. Um diesen Zweifel abzubilden, bieten sich natürlich besonders Themen an, deren Wahrheitsgehalt per se in Frage gestellt wird. Gibt es überhaupt noch die philosophisch im singular postulierte Wahrheit oder befinden wir uns in einer pluralistischen Sphäre der Wahrheiten? Wäre diese widerspruchsfrei? Und wie könnten plurale Wahrheiten überhaupt aussehen? Hier einige Beispiele.


Projekt Echelon (Teil 19 aus The Conspiracy Project)

Echelon ist eine Arbeit zum gleichnamigen Überwachungssystem, das von den Geheimdiensten der USA und von den anderen UKUSA-Vertragsstaaten Australien, Großbritannien, Kanada und Neuseeland Anfang der achtziger Jahre eingerichtet wurde, um weltweit den gesamten Kommunikationsverkehr – Telefon, Fax, E-mail – mittels eines Filtersystems auf bestimmte Schlüsselwörter (die sogenannten Triggerwords) hin abzuhören. (40) Die USA leugnen bis heute die Existenz eines solchen Abhörsystems, aber sie wurde im Jahr 1999 vom australischen Außenministerium offiziell bestätigt.

Wessing ist an einem Ketten-E-mail-Projekt beteiligt, das eine Liste vermuteter (die echte Liste ist klassifiziert) Triggerwords wie z.B. Airforce, Alert, Algorithm, Assassination, Blacklist, BND, etc. enthält. Die Empfänger werden gebeten, der Liste Worte hinzuzufügen, von denen sie meinen, sie könnten relevant sein, und diese dann an alle Adressen in ihrem E-mail-Verteiler weiterzusenden. Es handelt sich dabei um den Versuch, das System durch einen "information overload" außer Gefecht zu setzen bzw. ineffektiv werden zu lassen. Da es wahrscheinlich ist, dass das Echelon-System erkennen kann, ob es sich um eine bloße Wörterliste oder einen realen Text handelt, wurde das Projekt dahingehend erweitert, dass ganze Texte formuliert werden sollten, die möglichst viele vermeintliche Triggerwords enthalten. (41)

Der zweite Teil des Projekts besteht aus einer variablen Rauminstallation, bei der historische Texte – z.B. ein Brief von US-Präsident Abraham Lincoln oder das Vorwort von Thomas Paines Buch "Age of Reason" – fiktiv einer Echelon-Analyse unterzogen werden. Dem Ausgangsdokument wird auf der gegenüberliegenden Ausstellungswand die Textanalyse sowie ein daraufhin erstelltes Dossier zur Person gegenübergestellt. Interessant ist dabei, dass Personen, deren Einstellung man fraglos als Pro-USA bezeichnen kann und die somit eigentlich über jeden Verdacht erhaben sein sollten, von Echelon als "verdächtig" und z.T. "staatsfeindlich" eingestuft werden. Wessing zeigt so die Grenzen des Systems auf. Kurios ist in diesem Zusammenhang auch, dass über Echelon schon sehr früh Gerüchte kursierten, die sich jedoch nie verifizieren ließen. Echelon ist also ursprünglich eine klassische Verschwörungstheorie, die sich im Lauf der Zeit dank das Eingeständnisses, es handle sich um ein real existierendes Geheimprojekt, als echte Verschwörung entpuppt hat. Der Überwachungsstaat lässt grüßen.


Cydonia Region (Teil 17 aus The Conspiracy Project)

Das berühmte sogenannte Face on Mars, das auf einem Foto der NASA-Raumsonde Viking I (aufgenommen im Gebiet Cydonia) zu sehen ist, ist schon lange Anlass für wilde Spekulation darüber, ob es intelligentes Leben auf dem Mars gibt. Für Ufologen sind dies Artefakte einer alten Zivilisation, d.h. künstlich geschaffene Strukturen. Für die Skeptiker handelt es sich um zufällige Gesteinsformationen. Wessing verwendet Fotos der Marssonde und zeigt in einzelnen Zooms, dass, geht man nur näher an die Marsoberfläche heran, sich noch viel mehr Spuren intelligenten Lebens auf dem Mars zeigen, etwa pyramidenartige Erhebungen oder Stadtstrukturen. Was hier streng wissenschaftlich samt Handbuch (mit "klassifizierten" Daten, Fakten und Fotos) vorgeführt wird, ist ein irritierender Fake, der nun auch die Echtheit von Weltraumfotos und von behördlich als authentisch ausgewiesenem Material in Frage stellt.


Conspiracy Project I + II - The Secret Movies (Teil 11 aus The Conspiracy Project)

Hierbei handelt es sich um Merchandisingprodukte zu den Filmen Conspiracy Project I + II. Der Clou daran ist, dass es diese Filme gar nicht gibt. Sie sind rein fiktiv und nur in dieser virtuellen Form Anlass für die Komposition realer Filmmusik (Wessing hat Musikwissenschaft studiert und war Gasthörer in einer Kompositionsklasse). Aus den Titeln der einzelnen Stücke lässt sich vage eine mögliche Story erahnen. Den Soundtrack kann man hören und herunterladen unter: www.anyothername.de. Außerdem hat Wessing zwei Filmplakate entworfen und es gibt die unvermeidlichen Mitnahmeartikel wie ein Mousepad, T-Shirts, eine CD mit Ausschnitten aus dem Soundtrack und zusätzlichen Computerscreens.


Dealey Plaza (Teil 7 aus The Conspiracy Project)

Wer sich mit Verschwörungstheorien auseinandersetzt, kommt an der Ermordung von John F. Kennedy nicht vorbei. Allein zu diesem Thema gibt es eine unüberschaubare Menge an Publikationen und Internetseiten. Wessing nennt diesen Fall "die Ikone der Verschwörungstheorien". Er bevorzugt keinen der vorherrschenden Erklärungsansätze, statt dessen stellt er lediglich Bildmaterial zusammen (gewonnen aus dem reichhaltigen Fundus an Quellenmaterial im Internet) und bringt es in eine chronologische Reihenfolge. Die 28 Einzelbilder sind jedoch keineswegs neutral. Wessing gibt den Fokus vor. Er bestimmt, was im Bild wichtig ist und worauf der Betrachter seinen Blick lenken soll, indem er mit einer Scharf-Unscharf-Maskierung arbeitet. Die Bildmanipulation mit Hilfe des Computers drängt den Rezipienten in die Rolle des Mitverschwörers bzw. potentiellen Täters. Auch zu diesem Thema hat der Künstler ein umfangreiches Handbuch mit Quellenmaterial (Bilder, Texte und einige der erst kürzlich freigegebenen National Security Action Memoranden) zusammengestellt.


Majestic 12 (Teil 1 aus The Conspiracy Project)

Wo von außerirdischen Intelligenzen die Rede ist, darf natürlich der bereits geschilderte Roswell-Vorfall nicht fehlen. Die weiterführende Verschwörungstheorie lautet: Nach dem UFO-Absturz habe sich im Verlauf der Ereignisse um Vertuschung und Untersuchung des Geschehnisses eine äußerst geheime Organisation – Majestic 12 – innerhalb der US-Regierung gebildet. Die kleine Gruppe bilde mittlerweile eine regelrechte Regierung in der Regierung. Offiziell gibt es dafür natürlich keinerlei Beweise und dennoch kursieren im Netz und in den einschlägigen Publikationen immer wieder angebliche Geheimdokumente, in denen von Majestic 12 die Rede ist. Warum allerdings das Codewort für die höchste Geheimhaltungsstufe im Pentagon "Majestic" heißt, wie ein findiger Hacker, der in das Computersystem des US-Verteidigungsministeriums eindrang, feststellte, bleibt rätselhaft. Just kidding! (42) Wessing hat tief in die Mülleimer der Geheimdienste geblickt und ist dort fündig geworden. Er präsentiert uns nun also die Carbondurchschläge der verloren gegangenen klassifizierten Dokumente, die die Existenz von Majestic 12 belegen. Besonders schön ist, dass sich auch das Siegel der "wahren" Regierung auf die Blaupause durchgedrückt hat. Außerdem offeriert Wessing aus den Forschungsunterlagen zwei wissenschaftliche Aufnahmen von Torsoschnitten der bei dem Absturz getöteten Aliens. Es gibt SIE also doch.


Wahrheit versus Wirklichkeit

Wofür stehen also letztlich Phänomene wie Verschwörungstheorien und UFO-Gläubigkeit? Worin besteht ihre Funktion? Neben der Kanalisierung von Ängsten und der Konstruktion eines Residuums für utopisches Wunschdenken sowie der Schaffung eines Möglichkeitsortes zur Bewahrung des offensichtlich menschlichen Hanges zum Metaphysischen und Paranormalen (als anthropologische Konstante?) dienen diese Bereiche auch als notwendige Komplementäre des aufgeklärten Rationalismus. Stets steht dabei zur Debatte, inwiefern subjektive "Wahrheiten" deckungsgleich mit der objektiven Wirklichkeit sind oder überhaupt sein können. Das subjektive Moment ist an das Magische, Irrationale, den Wahn, das Geheime und Unergründliche gekoppelt. Objektivität scheint in diesem Zusammenhang obsolet, gleichsam als ideologische Verkürzung entlarvt. Alles eine Frage des Glaubens? Vielleicht sind die Konspirologen und Ufologen, doch wahrscheinlich eher die Künstler, die sich diesen Phänomenen widmen, die letzten Avantgardisten unserer Zeit. Mittler zwischen den Welten - Vermittler des Verborgenen oder kurz – die Eingeweihten. Bei aller Skepsis muss man den Anhängern des Verschwörungsdenkens zumindest eins zugestehen: Sie haben ein großartiges Gespür für zeitgenössische Mythen. Doch für jeden einzelnen von uns gilt: Die Frage ist letztlich nicht, ob man paranoid, sondern, ob man paranoid genug ist.

Anmerkungen

1) Dieter Groh: Verschwörung und kein Ende. In: Kursbuch 124: Verschwörungstheorien, Berlin 1996, S. 13.

2) Ebenda.

3) Siehe Claus Leggewie: Fed up with the Feds". In: Kursbuch 124: Verschwörungstheorien, Berlin 1996, S. 120.

4) Robert Anton Wilson: Das Lexikon der Verschwörungstheorien. Frankfurt a.M. 2000, S. 25.

5) Siehe: Daniel Pipes: Verschwörung: Faszination und Macht des Geheimen. München 1998, S. 19 und 35.

6) Vgl. Pipes: a.a.O., S.58-66.

7) Vgl. Pipes: a.a.O., S. 87.

8) Vgl. Hannes Stein: "Hoch die Weisen von Zion!". In: Kursbuch 124: a.a.O., S. 35-47. Und auch: Pipes: a.a.O., 148-168.

9) Zum Fake der Mondlandung siehe im Internet: http:// www.heise.de/tp/deutsch/special/raum/7012/1.html
10.) Siehe dazu die Sammlung unglaublicher Geschichten in: Marcus Day: Begegnungen mit Außerirdischen. Bindlach 1998, S. 44-45.

11) Leggewie: a.a.O., S. 118. An gleicher Stelle zitiert Leggewie auch George Washington als Urvater der US-Konspirologen, der schon 1774 sagte: "Ich bin völlig davon überzeugt, so wie von meiner eigenen Existenz, dass es einen regelrechten, systematischen Plan gegeben hat, die ungerechten Maßnahmen des britischen Parlaments durchzusetzen." Systematik und Plan sind die klassischen Vokabeln der Verschwörungsparanoiker.

12) Richard Hofstaedter zitiert nach Leggewie: a.a.O., S. 116-117.

13) Vgl. Michael Hesemann: UFOs über Deutschland. Niedernhausen 1997, S. 12-13. Natürlich ist dies auch keine zitierfähige Literatur. Mehr Informationen unter: http://www.parascope.com /articles/0697/usafreport.htm und http://www.af.mil/lib/roswell/

14) Siehe: Illobrand von Ludwiger: Der Stand der UFO-Forschung. Frankfurt a.M. 1992, S. 122-135.

15) Vgl. den Artikel über UFOs als vielschichtiges Element im Mediendiskurs. Verena Kuni: "Akte Alien. Die UFO-Files", In: Helene von Oldenburg (Hrsg.): UFO-Strategien. Oldenburg 2000, S. 47-62.

16) Informationen im Netz unter: www.aerotechnews.com /starc/1999/092499/USMC_Cypher.html; www.edwards. af.mil/ articles98/docs_html/splash/may98/cover/cypher.htm, http:// www.nasm.edu/nasm/aero/aircraft/avro.htm; http:// www.odyssey.on.ca/~dmackechnie/Avrocar.htm

17) Aktuell: "Ufo-Startrampe in China". in: Der Spiegel. Heft 28/02 vom 8.7.02, S.155.

18) Kuni: a.a.O., S. 57.

19) Kuni: a.a.O., S. 54-55.

20) Unlängst ist es einem Doktoranden am MIT in Cambridge gelungen, mit Hilfe digitaler Manipulation Menschen auf dem Bildschirm beliebige Sätze in den Mund zu legen. Damit steht demnächst auch der Wahrheitsgehalt von Videomaterial zur Debatte. Vgl. Marco Evers: Lügenworte auf dem Video. In: Der Spiegel, Heft 22/2002, S. 176-177.

21) Vgl. die Beschreibung in der Pressemitteilung der Galerie Senn zur Ausstellung.

22) Gerrit Gohlke: "Fortschritt ist Ansichtssache - Die Wiederannäherung nach der Scheidung von Kunst und Wissenschaft Ende des 20. Jahrhunderts". Beitrag zum Kongress "Gut zu Wissen", Heinrich-Böll-Stiftung, 5/2001. Im Netz unter: www.wissensgesellschaft.org/themen/kunstwissenschaft/ ansichtssache.html.

23) Ein Gespräch zwischen Chris Wilder und Mike Kelley. In: Be-Magazin Nr. 5 "Science & Surfaces", Berlin 1998, S. 48.

24) Ebenda, S. 49.

25) Markus Mascher: Sylvie Fleury. In: Heaven, Ausstellungskatalog der Kunsthalle Düsseldorf, 1999, S. 158-159.

26)Vgl. Doreet Levitte Harten: Yinka Shonibare. In: Heaven, a.a.O., S. 164-165.

27) Siehe dazu: Peter Brookesmith: Entführt von Aliens. Niedernhausen 1999, S. 13-17.

28) Vgl. auch die hervorragende Bildbeschreibung von Hans Hafner in seiner Rezension zur Ausstellung in Künzelsau. Hans Jürgen Hafner: Basquiat. In KUNSTFORUM International, Band 158, Ruppichteroth 2002, S. 342-343.

29) Vgl. www. artangel.org.uk/ArtAngel/projects.nsf

30) Vgl. Ohne Autorenangabe: "Susan Hiller". in: Virginia Button / Charles Esche (Hrsg.): "Intelligence - New British Art 2000", London 2000, S. 40-42.

31) Vgl. Wilson: a.a.O., S. 71-72, 112, 307-309, 346-347. Und auch: Nadia Choucha: "Surrealisms and the Occult", Rochester 1992.

32) Zur Beschreibung siehe: Renate Goldmann: "Zwischen Eierschalen und B-Ebene: Come-in zeigt, wie die aktuelle Kunst wohnt". In: Come-in - Interieur als Medium der zeitgenössischen Kunst in Deutschland, Institut für Auslandsbeziehungen e.V. (Hrsg.). Stuttgart 2001, S. 21-22.

33) Jörg Zboralski in einem Interview mit Gerd Dembowski: In: Marvin Chlada / Gerd Dembowski: "Die neuen Heiligen - Reportagen aus dem Medien-Himmel". Aschaffenburg 2001, S. 116.

34) Vgl. Jörg Zboralski. Konzeptpapier "Basler Flugblätter", 1999

35) Vgl. Jörg Zboralski. Konzeptpapier "Die ganze Wahrheit / Geheimnisse eines Unbekannten" unter Verwendung der Bullard-Studie aus dem Jahr 1988 als Quelle für die Beschreibung der Aliens, 2000

36) Ebenda, Quelle: Hans Richter: Dada Profile. Angabe ohne Jahr und Seitenzahl.
37.) Vgl. Jörg Zboralski. Konzeptpapier "unknown reality", 2001

38) Siehe: www.anyothername.de

39) Beide Formulierungen stammen aus einer unveröffentlichten Projektskizze von Piet Wessing. Stand 9/2001.

40) Vgl. Arndt Röttgers: "In Echtzeit". In: KUNSTFORUM International, Band 151, Ruppichteroth 2000, S. 98-99.

41) Mehr Informationen zum vergleichbaren Aktivitäten anderer Netzkünstler und Organisationen gibt es unter www.rhizome.org.

42) Hierbei handelt es sich um eine klassische sogenannte Zeitungsente der österreichischen Kronenzeitung, die dann von Focus und N-TV ungeprüft übernommen wurde. Die ganze "Wahrheit" zum angeblichen Hacker, der mit dem Codewort "Majestic" in den Rechner des Pentagons eindringen konnte, findet man unter: http://www.heise.de/tp/deutsch/special/auf/12656 /1.html 
Die sehr seltenen Lentikulariswolken können leicht als UFOs fehlgedeutet werden
Alien-Darstellung aus dem Internet
Das berühmte UFO-Foto von Paul Trent aus dem Jahr 1950. Unten mit computergestützter Konturenverstärkung (um zu zeigen, dass das Objekt nicht an Drähten hängt) und mit Farbkonturierung (zur Bestätigung der Dreidimensionalität).
Eine der Messstationen des norwegischen "Hessdalen-Projektes" zur Erforschung ungewöhnlicher Lichtphänomene, 1984
Chance Vought V-173/XF54 Flying Flapjack, 1947
Die Hiller Flying Platform von 1956 im Einsatz
Avroplane VTOL, um 1950
Sikorsky Cypher II
Helios Flying Wing, NASA-Projekt, 1999
Das berühmte Avrocar V7-9AV, Prototyp 1958
Westland Recon Drone, unbemannter Helikopter, 80er Jahre
Sikorsky Cypher II im Einsatz, 1997
Magazincover mit dem Chance Vought V-173/XF54
Sea Stealth – mit der Technologie des Stealthbombers
Boeing X-45 UCAV (Unmanned Combat Air Vehicle), 2002
AURORA, Grafik eines vermuteten Flugkörpers aus dem angeblich gleichnamigen, streng geheimen Forschungsprogramm, das seit 1988 laufen soll.
JOHANNES WOHNSEIFER, Stealth-Tisch, 1998. Der ultrageheime Tarnkappenbomber als elegante Designform.
BARBARA BLOOM, Esprit de l´Escalier, 1988, Installationsansicht. Courtesy Gorney Bravin + Lee, New York
BARBARA BLOOM, Esprit de l´Escalier, 1988, UFO-förmige Objekte
Wasserzeichen 1. Courtesy Gorney Bravin + Lee, New York
HANS WEIGAND, Installationsansicht, 1998. Courtesy Gabriele Senn Galerie, Wien
HANS WEIGAND, Übermalte Fotos, 1998. Courtesy Gabriele Senn Galerie, Wien
CHRIS WILDER, "Crash Site" aus der Serie "Project Blue Book", 2002
SYLVIE FLEURY, Masked Maniacs, 1997. Courtesy Galerie Philomene Magers, München
YINKA SHONIBARE, Alien Obsessives, Mum, Dad and the Kids, 1998
Betty und Barney Hill, um 1966. Dieser Fall gilt als erste bekannt gewordene angebliche UFO-Entführung.
JEAN-MICHEL BASQUIAT, Life Like Son of Barney Hill, 1983, Detail
VOLKER EICHELMANN / ROLAND RUST / JOHANNES SCHWEIGER, What does it mean when a whole culture dreams the same dream, 1999/2000, Detail aus einer Wandarbeit
SUSAN HILLER, WITNESS, 2000, Installationsansicht
KORPYS/LÖFFLER, Set, 2001, Mixed Media. Courtesy IFA, Stuttgart
KORPYS/LÖFFLER, ohne Titel (konspiratives Wohnprojekt II), 1998, Skriptol auf Papier, 110 x 180 cm. Courtesy Galerie Otto Schweins, Köln
JÖRG ZBORALSKI, Die ganze Wahrheit 1, 2000. Courtesy Galerie Bochynek, Düsseldorf
JÖRG ZBORALSKI, Die ganze Wahrheit 2, 2000. Courtesy Galerie Bochynek, Düsseldorf
JÖRG ZBORALSKI, Basler Flugblätter 2, 1999. Courtesy Galerie Bochynek, Düsseldorf
JÖRG ZBORALSKI, Basler Flugblätter (Detail)
JÖRG ZBORALSKI, unknown reality, 2000. Courtesy OHIO
JÖRG ZBORALSKI, 54 Sternenbrüder, 2001, Installationsansicht
JÖRG ZBORALSKI, Area 51, 1997. Courtesy Galerie Bochynek, Düsseldorf
JÖRG ZBORALSKI, Mangelhafter Fünfling/Ringausläufer, 1999
JÖRG ZBORALSKI, 3 Kreise (Turf Circle, Mähender Teufel, Winterbourne Stoke), 1999
PIET WESSING, aus Cydonia Region: Composite Satellite Images #1-5, 1999
PIET WESSING, aus Echelon: Ausstellungsansicht EAC Köln, 2000
PIET WESSING, aus Echelon: am Beispiel des berühmten Briefes von Major Sullivan Balou (Offizier der Nordstaatenarmee) an seine Frau Sarah eine fiktive Textanalyse durch die NSA und die daraufhin erstellte Akte.
PIET WESSING, Dealey Plaza: Ausstellungsansicht TZR Galerie Bochum, 1999
PIET WESSING, Dealey Plaza, 1999, Bystanders
PIET WESSING, Dealey Plaza, 1999, Zapruder Frame 335
PIET WESSING, aus Area 51: Composite Satellite Image 1
PIET WESSING, aus Area 51: Document #4
PIET WESSING, aus Majestic 12: Alien Torso Segment
PIET WESSING, aus Majestic 12: Truman Memorandum 1947 (Rekonstruktion vom Carbon Paper #1)
PIET WESSING: aus Secret Movies: Plakat zum Film Conspiracy Project I, 1999
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