> Seitenübersicht > Psychogeografie, -historie, -topologie
> UFO-Komplex
Kontrolle 303

"The Federation is no more than a Homo sapiens only club"


Das Star-Trek-Universum ist voller heldenhafter Menschen, barbarischer Klingonen, hinterlistiger Romulaner, faschistischer Cardassianer und geldgieriger Ferengi

Von Karin Lederer (aus monochrom #15-23)


"Romulans are backstabbers; Klingons are violent; Cardassians are conspiratorial and traitorous. In the hierarchy of respect in the Star Trek universe, who gets the most? Vulcans are greatly respected for their nobility, and their only makeup is pointed ears. The more makeup you wear, the less respect you get. Ferengi are at about the bottom of them all." Sogar der Ferengi-Darsteller Armin Shimerman weist auf der offiziellen > Star-Trek-Homepage darauf hin, dass Erden-Menschen in der Föderation der vereinigten Planeten die "master race" seien und allen anderen "Rassen" bestimmte unangenehme Eigenschaften zugeschrieben werden. Die Föderation "ähnele einer diktatorischen Machtstruktur" (1), heißt es von anderer Seite, sie sei zwar oberflächlich ein "melting pot", aber: "hidden within these ideals, much like the coed words of the neoconservative movement, is a Western and white standard." (2) Die scheinheiligen Versuche, sich eine Political-Correctness-Attitüde zu verpassen, werden in der kritischen Aufsatzsammlung Enterprise Zones als "liberal chic" (3) bezeichnet. Star Trek sei tatsächlich "anything but egalitarian". (4) Selbst in den Star-Trek-Primärtexten regt sich Kritik: Eine Klingonin beschwert sich im Film ST VI: "Human rights! Why, the very name is racist! (...) The Federation is no more than a Homo sapiens only club." Aliens in Star Trek würden den Mythos des weißen Helden fortschreiben, argumentiert der Kritiker Bernardi. Er kommt in seiner Untersuchung über The Next Generation zu dem Schluss: "I show how feature Trek represents a space-time where paleface heroes brutalize and civilize dark aliens in an effort to both explore the galaxy, the final frontier, and protect the sanctity of Earth, the mythical center of the universe." (5)

Aber die Kritik an Captain Kirk und Co beschränkt sich nicht nur auf Humanozentrismus, Rassismus und Kolonialismus. Es taucht etwa auch der Vorwurf der Homophobie auf: In all den Star-Trek-Serien, Filmen, Comics und Büchern hat es nicht eine einzige (wiederkehrende) homosexuelle Figur gegeben, kritisiert eine Vereinigung homosexueller Star-Trek-Fans, die Gaylaxians: "I think Gene Roddenberry was this prototypical liberal – and I am not saying that in the most flattering terms.” (6) Im besten Fall wird Star Trek schlicht und einfach Banalität vorgeworfen. Ein gewisser Herr Klein vermisst Tiefgang auf der Enterprise: "Der Serienkosmos gefällt sich in einer Mainstream-Moral, die den relativ schlichten Appell zu mehr Toleranz und Verständnis bereits als bahnbrechende philosophische Errungenschaft feiert". (7) "Dass Science Fiction pauschal in den Verdacht der Trivialität geraten ist, verdankt sie ihren allzu häufigen Abstürzen", schreiben Pehlke/Lingfeld. Im Zuge meiner Diplomarbeit über die Verwendung antisemitischer Stereotype bei der Darstellung der Ferengi in der Star-Trek-Serie Deep Space Nine bin ich auf eine Menge solcher Kritik gestoßen. Eingefleischten TrekkerInnen (bei aller Heterogenität dieser Gruppe – in den USA definieren sich immerhin 53 % als "Fans") (8) mag das Urteil viel zu hart vorkommen. Ooooh, werden sie sagen, und der "Wauzi-Effekt" wird eintreten. Doch nicht Star Trek, die bemühten Weltverbesserer! Den größtmöglichen Affront leistete sich Kirk-Darsteller William Shatner in der Saturday Night Live Show, als er den verwirrten Fans, die offensichtlich viel Zeit und auch Geld in die Beschäftigung mit Star Trek investieren, den Rat gab: "Get a life!" Das muss sie tatsächlich schwer beleidigt haben, denn viele betonen immer wieder, dass sie eben nicht nur Fans irgendeiner Fernsehserie sind, sondern auch nach deren Philosophie leben. Die Fanclubs organisieren Wohltätigkeitsveranstaltungen, sammeln Spendengelder für die Dritte Welt und träumen von einer besseren Zukunft. Und selbst ein Kritiker und Zweifler wie Tulloch deutet an, dass Star Trek den/die BürgerIn anspricht, während etwa Star Wars lediglich an den/die KonsumentIn appelliert. (9) Was macht Star Trek eigentlich besser als andere Science Fiction?


Ein diffuser Gestus von Utopie

"SF wird in der Regel als ausuferndes, schwer greifbares Phänomen beschrieben, als schwammiges Genre, das in einer diachronen Perspektive eine banalere Form der Utopie darstellt, und in einer synchronen Perspektive irgendwo zwischen dem populärwissenschaftlichen Diskurs á la Däniken und der Fantasy bzw. Phantastik angesiedelt ist", (10) so Karin Harrasser. Dass Utopien per se antikapitalistisch sind, wie einige AutorInnen andeuten, möchte ich bezweifeln. Horkheimer definiert Utopie dialektisch: "In der Tat hat die Utopie zwei Seiten; sie ist die Kritik dessen, was ist, und die Darstellung dessen, was sein soll." (11) Und wo liegt Star Trek auf einer Skala von Däniken bis zur anspruchsvollen Utopie? Klar ist zumindest, wo sich Paramount mit seinen Serien und Filmen selbst gern positionieren würde: ganz oben im utopischen Bereich. Die Schlacht am Abgrenzungsfeld tobt heftig: Einige sträuben sich mit Händen und Füßen dagegen, dass SF überhaupt in direkten Zusammenhang mit Utopie gebracht wird und führen zahlreiche Abgrenzungskategorien an. Die literarische Utopie entwerfe soziale Paradiese, um die es zu kämpfen gilt, SF verspreche ihren Lesern Trost und Ablenkung in heiler Zukunftswelt. Wer die Entstehung der SF erst spät ansetzt, grenzt sie so von früheren Ausdrucksformen ab: SF sei ein modernes Phänomen, das erst durch den Paradigmenwechsel entstehen konnte, als sich eine Weltsicht durchsetzte, die wissenschaftliches Denken und das Konzept der Evolution beinhaltete. Star Trek falle eindeutig in diese Kategorie: "Der diffuse Gestus von Utopie in dieser Serie hält schon einfachen Nachfragen nicht stand (...) Wer deshalb vom angeblichen Utopiegehalt von Star Trek spricht, fällt nur auf die Verkaufsversprechen der Medienindustrie herein, nimmt die Warenästhetik für ein Welterklärungsmodell." (12) Saage hingegen nennt in der SF-Definitionsdebatte als Beispiel dafür, dass doch ein gewisser Zusammenhang zwischen Utopie und SF bestehe, gerade Picards Raumschiff Enterprise: "Star Trek: The Next Generation hat zweifellos das Erbe dieses Trends zu einer positiven Zukunftsvision angetreten: Normative Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens drängen das Action-Muster in den Hintergrund." (13)


Die Philosophie von Star Trek

Gene Roddenberry, Star-Trek-Erfinder, ehemaliger US-Air-Force-Pilot und Polizist, später Polizeiserien-Schreiber, und personifizierte Philosophie von Star Trek, wollte mit Star Trek – The Original Series ein Zeichen setzen, "of such meaning and importance that it could ultimately change the face of America". (14) Roddenberrys Trick: "Ich dachte, dass ich vielleicht über Sex, Politik, Religion und Vietnam schreiben könnte, wenn ich die Situationen, in denen es um diese Themen geht, auf einem anderen Planeten geschehen ließe, so dass sie nicht uns, sondern kleine grüne Leute betreffen. Und das hat wirklich funktioniert." (15) Seitdem will die "humanistische Philosophie ihrer Schöpfer" (16) etwas aussagen, etwas bewegen, etwas verändern. Wie wird das fiktive Stadium des Friedens und der gegenseitigen Toleranz laut Star Trek erreicht? Durch banalen Reformismus, die Weiterentwicklung der "unreifen" Spezies Mensch. Besonders deutlich wird das bei der neuesten Serie Enterprise, in der die Anfangszeit der Friede-Freude-Eierkuchen-Föderation mit Hilfe der alten Gosh!-Wow!-Klischees erzählt wird. Ist Reformismus aber seit Neuestem eine Form der Utopie? No way!


Politik: Auf dem kindischen Niveau von Buck Rogers?

Der Großteil des Genres scheint politisch betrachtet durchweg rechts bzw. reaktionär orientiert. Pehlke und Lingfeld orten obrigkeitsstaatliches Denken (17) und belegen ihre Einordnung in die rechte politische Ecke mit typischen Genre-Beispielen: "Im ideologisch gefärbten Topos vom Krieg zwischen den Welten steckt der Appell, den kosmischen Sowjets und Chinesen massiv vors Schienbein zu treten, das stereotype Motiv vom Sklavenaufstand der Technik preist die wackere Hemdsärmeligkeit des bodenständigen Faschisten, die Zeitmaschine schließlich lehrt den Leser die Furcht vor der Zukunft, die er doch selbst bestimmen sollte." (18) Gerade für die SF ist (implizite) politische Kommentierung nicht nur eine Möglichkeit, sondern ein Strukturelement, stellt Hallenberger fest. (19) Auch wenn oft versucht wird, ein unpolitisches "elektrifiziertes Schlaraffenland mit regem Wissenschaftsbetrieb" (20) darzustellen. Laut Hallenberger hat sich die Strategie durchgesetzt, Vertrautes in modifizierter Form zu präsentieren. Variante 1: Die stillschweigende Projektion gegenwärtiger Verhältnisse in die Zukunft. Variante 2: Das Aufgreifen von anderen Herrschaftssystemen als dem eigenen, die Autor und Leser von anderen Ländern oder der Vergangenheit her bekannt sind, sei es als Praxis oder als theoretisches Modell. (21) Star Trek versucht ein bisschen von beidem. Bei der Föderation, die eher mit der NATO als mit der UNO zu vergleichen ist, geht es um den "Kampf der Demokraten gegen den Totalitarismus". (22) Es heißt, Roddenberry "wollte vermeiden, dass die Föderation noch einmal die Azteken auslöscht". (23) Die erste Direktive besagt, dass sich die Sternenflotte nicht in die natürliche Entwicklung von Aliens, auf die sie treffen, einmischen darf. Die strikte Einhaltung dieser Vorgaben ist aber weder theoretisch noch praktisch möglich. "Kirk verstößt so oft gegen die 1. Direktive wie die CIA". (24) Die Sternenflotte ist primär eine militärische Organisation, die Pyjamas der ProtagonistInnen sind eben doch Uniformen. Harrison spricht hier ganz klar von "the oxymoronic 'peaceful' military organisation known as Starfleet". (25) In "Friedenszeiten" wird versucht, den wissenschaftlichen Aspekt zu betonen und in Konfliktsituationen den "Blauhelmaspekt". Die Möglichkeit einer pazifistischen Zukunftsvision wurde spätestens in Deep Space Nine zugunsten von populären, genretypischen Raumschlachten und futuristischen Waffensystemen gar nicht mehr berücksichtigt. In der Absicht, Star Trek zu loben und von durchschnittlicher SF abzugrenzen, schrieb Roddenberry-Biograf Alexander noch 1997: "Sobald eine Weltraum-SF-Serie zu militaristisch wird und sich mit Geschichten über die höchste Kommandoebene und interplanetarische Politik befasst, läuft sie Gefahr, auf das kindische Niveau von Buck Rogers abzugleiten." (26) Fans sprechen nun abschätzig von "Star Trek Lite" (27) und kritisieren die Tendenz zu Gewalt, Konflikten und Krieg in DS9. Es gehe nur mehr um "politische(n) Ränkespielchen, Geheimdiensttätigkeiten und Waffenschiebereien". (28) Und auch in der neuen Serie Enterprise, die noch vor Kirks und Spocks Zeiten spielt, kann es nicht immer so friedfertig zugehen wie zu Picards Zeiten. Der Krieg mit den Klingonen steht immerhin noch bevor.


Wirtschaftssysteme: Das Ende der Geschichte

"Kapitalismus, so verkündet Science Fiction, sei sozusagen die gesellschaftliche Form der menschlichen Natur, an der nun einmal nicht zu rütteln sei." (29) Ohne explizit darauf hinzuweisen, bleibt ein Großteil der SF stillschweigend dem Konzept der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verhaftet. Und das trotz der unbegrenzten Möglichkeiten, die sich hier strukturell bieten. Auch Star Trek greift diesen antikapitalistischen Ansatz nicht auf, im Gegenteil: "The very name of the ship itself – Enterprise – indicates an ideological resonance with the integrity of liberal-capitalist values." (30) Das Wirtschaftssystem ist bei Star Trek zunächst völlig ausgeblendet: kein Mensch bezahlt etwas, keine/keiner spricht über Löhne, Arbeitsbedingungen, Gewerkschaften oder Klassenunterschiede, nur manchmal über Urlaub. In ST IV machen einige Enterprise-Crewmitglieder einen Abstecher auf die Erde des 20. Jahrhunderts. Kirk gibt den Befehl aus: "Hier benutzt man noch Geld. Wir müssen uns welches besorgen." UtopistInnen konnten zu diesem Zeitpunkt noch Hoffnung haben, dass Star Trek anders ist. Diese Hoffnung wurde auch in The Next Generation anfangs noch genährt. In der TNG-Folge THE NEUTRAL ZONE schwärmt Captain Picard jedenfalls von fast kommunistisch anmutenden Zuständen: "A lot has changed in the past 300 years. People are no longer obsessed with the accumulation of things. We’ve eliminated hunger, want, the need for possessions. We’ve grown out of our infancy ... The challenge ... is to improve yourself, to enrich yourself." (31) Dennoch pokern die Enterprise-FührungsoffizierInnen um "hartverdiente Rationen", auch wenn sie nichts für ihre Drinks bezahlen und aus ihren "Replikatoren" scheinbar unbegrenzt Nahrung und Gebrauchsgegenstände beziehen können. Die Beziehungen der Föderation zu anderen Außerirdischen sind nicht unbedingt durch bedingungsloses Teilen von Ressourcen gekennzeichnet. Es wird in solchen Fällen stattdessen (Tausch-)Handel betrieben. Schon in TNG werden vor allem die Ferengi mit Handel assoziiert. Erst in DS9 wird Picard eindeutig Lügen gestraft. Auf der von der Föderation verwalteten Raumstation gibt es erstmals eine Einkaufspromenade, in der die – von der Notwendigkeit Eigentum anzuhäufen angeblich befreiten – Menschen wie alle anderen Aliens wieder zu KundInnen werden, die auch bezahlen müssen, mit "goldgepresstem Latinum". Da drängt sich natürlich die Frage auf: Wie können Restaurants auf dem "Promenadendeck" Geschäfte machen, wenn Nahrungs-Replikatoren für alle gratis zur Verfügung stehen? Und wann genau hat dieser Wahnsinn begonnen? Auf der ersten Enterprise unter Captain Archer gibt es (noch) keine Antwort darauf.


"White men in space" versus "Ein nie dagewesenes Völkergemisch"

Das Bemühen von Star Trek, anders zu sein als zeitgenössische Serien, wird meist anerkannt, denn viele setzten tatsächlich ihre Hoffnungen in die langsame Abkehr vom "white men in space"-Muster. Beispielsweise erzählt Uhura-Darstellerin Nichelle Nichols, die ihre Rolle schon aufgeben wollte, nach einem Treffen mit Martin Luther King, dass "sich Dr. King darüber im klaren (war), dass ihre Anwesenheit auf der Kommandobrücke der Enterprise sehr wohl von Bedeutung für den afro-amerikanischen Befreiungskampf gewesen ist". (32) Was sie und andere durch ihre Rollen tatsächlich bewirkt haben, lässt sich schwer feststellen. Gilroy ist sich sicher: "Mit der Besetzung der Zukunft durch Schwarze gingen auch Kämpfe um das Recht auf eine konkrete politische Zukunft einher." (33) Die realen Kämpfe werden in Star Trek fast nie thematisiert, da sie in der fiktiven Zukunft endgültig der Vergangenheit angehören. Das Universum ist bunt und granatenstark, Hoshi. Barr schreibt über die finale TNG-Szene, in der die Führungsoffiziere der Enterprise Poker spielen: "He-man, disabled black man, white woman, sexualized half-betazoid, cyborg, and Klingon play a new game in which (...) thoses who are Other to 'All-American' manhood vastly outnumber the he-man." (34) Das Bemühen, "politisch korrekt" zu besetzen, ist hier deutlich zu erkennen. Trotz aller Multi-Kulti-Vielfalt haben aber immer noch drei "he-men" das Kommando auf dem Schiff: Der Captain ist zwar kein Amerikaner, und Data gilt manchen mit seiner extrem weißen Hautfarbe gerade als Chiffre für andere Minderheiten, aber trotzdem bilden sie (gemeinsam mit Riker) als drei weiße, dynamische heterosexuelle Männer die Spitze der Hierarchie auf der Enterprise. Bei der Kreation und Besetzung der Hauptrollen auf DS9 lassen die ProduzentInnen stolz verlauten, dass sie nun ein "noch nie dagewesenes Völkergemisch" konfliktreich interagieren lassen wollen. Auf der Raumstation ist aber ein interessantes Phänomen zu beobachten: Immer wenn von einer außerirdischen Gruppe, seien es KlingonInnen, RomulanerInnen oder Ferengi, mehr als zehn Exemplare an Bord kommen, werden erhöhte Sicherheitsmaßnahmen getroffen und es herrscht bald eine "Boot-ist-voll-Stimmung" vor, solange bis sich (meist durch die Abreise der Aliens) wieder alles "normalisiert" hat. Nach der Entdeckung der (bösen) Gründer, einer formwandelnden "Rasse", verstärkt sich die Grenzen-dicht-Mentalität bis in den mikroskopischen Bereich.


Von den BEMs zu E.T. und zurück zu Alien: Freund-Feind-Schema-Revival

So bemüht die Besetzung der "Menschen"-Rollen auch sein mag, so tollpatschig ist Star Trek bei der Schaffung von Aliens und deren Besetzung. In der Geschichte der Alien-Darstellungen erleben BEMs (Bug-Eyed-Monsters) immer wieder Revivals. Zum Beispiel verlagerte sich von den 50ern bis in die 90er Jahre die übertragene Bedeutung der Außerirdischen als kommunistische Bedrohung (red menace) zur Bedrohung durch Immigration. Kaum verändert hat sich die Zuschreibung schwarz/dunkel ist gleich böse. Eine Projektion des irdischen "Anderen" auf andere Planeten war von Anfang an offensichtlich. Bei der Gestaltung der Alien-Physiognomien (und auch bei Robotern und Cyborgs) wird meist auf Menschen, Tiere und Pflanzen des Planeten "Erde" zurückgegriffen. "... die abergläubische Angst vor einer artfremden, auf unseren Untergang sinnenden Intelligenz mag sehr viel rationaler anmuten, wenn nicht eine zur Verfolgung geeignete Menschengruppe, sondern eine fremde Spezies als Rassenfeind auftritt. Auch wer einer Verschwörung von Juden nicht zutrauen mag, dass sie hinter den Kulissen aushecken kann, was auf der Bühne der Erde sich abspielen sollte, gesteht vielleicht, dass die kalt kalkulierenden Gehirne insektenhafter Monster von fernen Planeten der Aufgabe gewachsen sein könnten" (35) Die Benennung der imaginierten Kreaturen ist von wesentlicher Bedeutung für die Konzeption der Aliens: Die Erkenntnis, dass es wissenschaftlich unsinnig ist, Menschengruppen in "Rassen" einzuteilen, ging an der SF spurlos vorüber. Im SF-Sprachgebrauch (und auch in der SF-Kritik) ist trotzdem hartnäckig von "Rassen und Völkern" die Rede. Völlig absurd wird es, wenn in einem Atemzug "Asiaten, Vulkanier, Afrikaner, Klingonen, etc." als "Rassen" halluziniert werden. "Völker" bzw. "Rassen" werden in Star Trek immer noch biologistisch definiert. Das führt (Überraschung!) zu einer stereotypen Darstellung. (36) Keine der zahlreichen Abhandlungen über die KlingonInnen attestiert ihnen zum Beispiel besondere Ambiguität. Für den Film ST VI stellt Bernardi fest: "The film ends up perpetuating more stereotypes than it challenges and questions.” Der klingonische General Chang sei keine Parodie, sondern ein "throwback to the stereotype of the diabolical Chinese" – in der Tradition des Fu Manchu. In TOS können die KlingonInnen noch eindeutig als "die Bösen" interpretiert werden: "we can imagine teenage boys watching these episodes and then going to Viet Nam to fight the Klingons." Greenwald macht sich über die überarbeiteten TNG-Versionen lustig: "Appearancewise, they’re ridiculous – a cross between 'gangsta' rappers and elephant seals. They are such a cliché, such a bit of Hollywood vanity, that the only appropriate reponse is to laugh in their faces." Die den Ferengi in DS9 zugeschriebenen äußerlichen Merkmale, Eigenschaften und gesellschaftliche Funktionen weisen Ähnlichkeiten mit antisemitischen Stereotypen und Mythen auf.


Die Ferengi – ein Volk von Weltraumkapitalisten

Die Ferengi werden dargestellt als hässliche, kleine Gnome mit markanter Schädelform, riesigen Ohren und geriffelten Nasen. "Oft gehen oder stehen sie vornübergebeugt und sie reiben sich die Hände." (37) Ferengi sind im wesentlichen feige, sexbesessene Witzfiguren. Eine Fan-Homepage listet die sieben wichtigsten Werte der "Händlerrasse" (38) auf: Geiz, Gier, Stolz, Völlerei, Faulheit, Neid, Zorn. (39) Die Ferengi-Erwerbsregeln (Rules of Acquisition) bieten eine Anleitung, wie es sich nach diesen Werten leben lässt. Als wichtigste gesellschaftliche Funktion der Ferengi kristallisiert sich hier vor allem Handel (oft in Verbindung mit Betrug) heraus. Regel 119: Kaufe, verkaufe, oder verschwinde. Und die Quintessenz der Ferengi-Philosophie wird in Regel 18 deutlich: Ein Ferengi ohne Profit ist überhaupt kein Ferengi. Das korrespondiert mit antisemitischen Bildern: Einerseits entstand aus alten christlichen Mythen das Angstbild der grausamen und mörderischen Juden, das immer noch weiterverbreitet wird, andererseits kommt später die Vorstellung auf, dass "jüdische Kriminalität" – mangels körperlicher Kraft und religiöser Alkoholabstinenz – weniger durch Gewaltverbrechen charakterisiert ist, dafür aber (wegen der angeblichen Schlauheit) um so mehr Betrügereien dominieren. (40) Das Klischee vom raffgierigen, geizigen bzw. käuflichen und gewinnsüchtigen Juden scheint weit verbreitet zu sein. Anknüpfend an das mittelalterliche Bild des "Wucherers" manifestieren sich diese antisemitische Vorstellungen seit Jahrhunderten. Später entstand das Bild des "Ausbeuters" und des "raffgierigen Kapitalisten". (41) Der dicke jüdische Fabrikbesitzer mit Zigarre und Zylinderhut, der auf einem großen Geldsack sitzt, ist eine kulturell weit verbreitete Chiffre. Laut Schandl gehört Spekulation immanent zu kapitalistischer Produktionsweise. "Ausnahmslos jedes Geschäft kennt ein spekulatives Moment. Jeder Preisvergleich, jede Werteinschätzung eines Produktes oder einer Leistung ist Spekulation." (42) Schon allein deshalb ist der Vorwurf so absurd: "Die abfällige Einschätzung des Spekulanten (...) ist nicht Aufbruch einer neuen Kapitalismuskritik, sie ist deren Verunglückung."(43) Roddenberrys Verteidiger meinen: "Ich glaube, Gene meint die Ferengi durchaus witzig, denn er macht aus ihnen die Kaufleute des Universums, die Geldverleiher und Profit-Geier." (44) Von den Fans und der Sekundärliteratur wird die Absicht der Kapitalismuskritik auch erkannt, wie folgendes Zitat belegt: "Ferengi genetic structure is not that dissimilar from human structure, (simply note: Ross Perot, Michael Milken, William Vanderbilt, and Bill Gates)" Diese "Enttarnung" von prototypischen "Kapitalisten" der heutigen Zeit als Ferengi-Verwandte zeugt von einer Kapitalismuskritik, die oberflächlich bleibt und strukturell antisemitisch ist. Wenn sich gesellschaftliche Verhältnisse in kulturellen Phänomenen manifestieren und Medien Diskurse der sozialen Wirklichkeit spiegeln, heißt das, dass antisemitische "Mythen des Alltags" in den 90ern diskursiv massiv präsent sind. Eine Konjunktur dieser Art von (strukturell antisemitischer) Kapitalismuskritik muss festgestellt werden. Die Ferengi stehen insgesamt in der Genre-Tradition der niveaulosen Pulps der 30er Jahre, allerdings nicht als Low-Budget-Parodie und auch völlig ohne kritisches Potential.


Resistance is not futile?

Bei aller oben zitierter und selbst formulierter Kritik muss der Philosophie von Star Trek zugestanden werden, dass zumindest versucht wird, auf reformistischem Weg Veränderungen herbeizuführen. Das ist anzuerkennen, und es unterscheidet Star Trek von vergleichbaren Serien (vor allem der 60er Jahre). Sogar Bernardi, einer der schärfsten Kritiker, muss zugeben: "There are moments of beauty and resistance in Trek. (...) resistance is not futile." (45)
Weiterführende Lektüre, ebenfalls von Karin Lederer:

> Zum aktuellen Stand des Immergleichen.
Dialektik der Kulturindustrie – vom Tatort zur Matrix

> Video zum Song Where's Captain Kirk von Spizzenergi
Verweise zu nebenstehendem Aufsatz

(1) Sander, Ralph: Das Star Trek Universum. Das erste deutsche Handbuch zur erfolgreichsten Multimedia-SF-Serie der Welt. Band 4. München 1998, S.249
(2) Bernardi, Daniel Leonard: Star Trek and history. Race-ing toward a white future. New Brunswick 1998, S.130
(3) Harrison, Taylor et.al. (Hg.): Enterprise Zones. Critical Positions on Star Trek. Boulder 1996, S.1
(4) Ebd.
(5) Bernardi (98), a.a.O., S.92
(6) Tulloch, John / Jenkins Henry: SF Audiences. Watching Doctor Who and Star Trek. London / New York 1995, S.241
(7) Hellmann, Kai-Uwe / Klein, Arne (Hg.): "Unendliche Weiten ..." Star Trek zwischen Unterhaltung und Utopie. Frankfurt /M. 1997, S.174
(8) Pehlke, Michael / Lingfeld, Norbert: Roboter und Gartenlaube. Ideologie und Unterhaltung in der Science-Fiction-Literatur. München 1970, S.12
(9) Harrison (96), a.a.O., S.260 Vgl. auch Tulloch / Jenkins (95), a.a.O., S.4
(10) Vgl. Tulloch / Jenkins (95), a.a.O., S.38
(11) Harrasser, Karin: Das Feld der deutschsprachigen Science Fiction. Erkundungen in einem literarischen Grenzgebiet. Dipl.-Arb., Wien 1999, S.4
(12) Horkheimer, Max: Die Utopie. In: Neusüß, Arnhelm (Hg.): Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen. Berlin 1968, S.178-192
(13) Hellmann / Klein (97), a.a.O., S.138
(14) Hellmann / Klein (97), a.a.O., S.55
(15) Zit.n. Weber, Ingrid: Unendliche Weiten. Die Science-Fiction-Serie Star Trek als Entwurf von Kontakten mit dem Fremden. Frankfurt/M. 1997, S.55
(16) Zit.n. Altman, Mark A. / Gross, Edward: The Next Generation. Der Blick hinter die Kulissen. Schindellegi 1996, S.9
Reeves-Stevens, Judith: Star Trek-Design. München 1997, S.15
Pehlke / Lingfeld (70), a.a.O., S.85
(17) Ebd.
Vgl. Hallenberger, Gerd: Macht und Herrschaft in den Welten der Science-fiction: die politische Seite der SF. Eine inhaltsanalytische Bestandsaufnahme. Meitingen 1986
(18) Ebd., S.293
(19) Vgl. ebd., S.97
(20) Bernardi (98), a.a.O., S.51
(21) Richards, Thomas: Star Trek in Myth and Legend. The Stories behind the Episodes from Classic Series and the Next Generation. London 1997, S.23
(22) Steinmüller, Karlheinz: Beinahe eine sozialistische Utopie. USS Enterprise: Heimathafen DDR? In: Hellmann / Klein (97), S.80-90, S.85
(23) Harrison (96), a.a.O., S.1
(24) Alexander, David: Gene Roddenberry, der Schöpfer von Star Trek: Die autorisierte Biographie. München 1997, S.586
(25) Marinaccio, Dave: All I really need to know I learned from watching Star Trek. London 1994, S.124
(26) Ein Trekker, zitiert nach Hickethier, Knut: Die Utopie der Serie. Mythen und Weltsicht im Star Trek-Universum. In: Hellmann / Klein (97), S.120-138, S.122
(27) Pehlke / Lingfeld (70), a.a.O., S.66
(28) Collins, Steven F.: "For the Greater Good". Trilateralism and Hegemony in Star Trek: The Next Generation. In: Harrison (96), S.137-156, S.141
(29) Zit.n. Boyd, Katrina G.: Cyborgs in Utopia. The Problem of Radical Difference in Star Trek: The Next Generation. In: Harrison (96), S.95-114, S.100
(30) Nichols, Nichelle zit.n. Gilroy, Paul: Exterritorialität: Die Entfremdung der Entfremdung. In: Diederichsen, Diedrich (Hg.): Loving the Alien. Science Fiction, Diaspora, Multikultur. Amsterdam / Berlin 1998, S.31-47, hier: S.39
(31) Gilroy (98), a.a.O., S.46
(32) Barr, Marleen S.: "All Good Things...". The End of Star Trek: The Next Generation, The End of Camelot - The End of the Tale about Woman as a Handmaid to Patriarchy as Superman. In: Harrison (96), a.a.O., S.231-244, hier: S.239
(33) Hienger, Jörg: Literarische Zukunftsphantastik. Eine Studie über Science Fiction. Göttingen 1972, S.56
(34) Bernardi (98), a.a.O., S.100
(35) Ebd.
(36) sagt Goulding zit.n. Tulloch / Jenkins (95), a.a.O., S.28
Greenwald, Jeff: Future Perfect. How Star Trek Conquered Planet Earth. London 1998, S.85
(37) Paramount: Die offiziellen Star Trek Fakten und Infos. Sammelmappe, o.O. 1998
(38) Altman / Gross (96), a.a.O.
(39) Vgl. http://grimmy.cnidr.org/ferengi/virtues.html, 16.7.2000
(40) Vgl. Hödl, Klaus: Die Pathologisierung des jüdischen Körpers. Antisemitismus, Geschlecht und Medizin im Fin de Siecle. Wien 1997, S.245
(41) Lichtblau, Albert: Macht und Tradition. Von der Judenfeindschaft zum modernen Antisemitismus. In: Jüdisches Museum der Stadt Wien (Hg.): Die Macht der Bilder. Antisemitische Vorurteile und Mythen. Wien 1995, S.212-229, hier: S.224
(42) Schandl, Franz: Jagt die Spekulanten! Schlagt sie tot! Redundantes über die aktuellen Entgleisungen einer Sorte Antikapitalismus. In: Streifzüge 3/1998, S.1-3, hier: S.1
(43) Ebd.
(44) Laut STAR TREK-Produktionsdesigner Herman Zimmerman. Zit.n. Altman, Mark A. / Gross, Edward: The Next Generation. Der Blick hinter die Kulissen. Schindeleggi 1996, S.28.
(45) Bernardi (98), a.a.O., S.181
"Der Weltraum - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat." So war es 1972 erstmals im ZDF zu hören.
Die Hauptbesetzung (oder -besatzung) der Originalserie Star Trek von 1966
Hauptbesatzung der Enterprise-D, die 1987 mit der Erstausstrahlung von Star Trek – The Next Generation auf große Fahrt ging.
Star Trek VI – The Undiscovered Country von 1991 ist der sechste von elf ST-Feature-Filmen und zugleich der letzte, in dem die Besetzung der Originalserie spielt. Captain Zulu war in ST-TOS (siehe im Bild oben ganz rechts außen) noch ein einfacher Lieutenant.
Seit 1993 ist die Station Deep Space Nine (ST-DS9) besetzt, die den Eingang eines Wurmlochs überwacht, das in den weit entfernten Gammaquadranten führt.
Hauptbesetzung der USS Voyager, die ab 1995 im Deltaquadranten gestrandet war und seitdem versucht, den Weg zum Planeten Erde zurückzufinden.
Die Serie Enterprise wurde ab 2001 gesendet. Der Zeitraum, in dem die Handlung stattfindet, liegt halbwegs zwischen Star Trek – First Contact von 1996 und den Geschehnissen der Originalserie von 1966.
> K303 – "The Federation is no more than a Homo sapiens only club" (nach oben)
> Kontrolle 3 – Gräber – Was die anderen schreiben ...
> K302 – Das Magische – Der Paranoia-Diskurs. Conspiracies, UFOs und Verschwörungsdenken
> K304 – Bldermaschine für den Krieg
> UFO-Komplex
> Hardware 1 – Schrauben, Drähte, Strom
> Hardware 2 – "I am John From!"
> Hardware 3 – White Man on the Moon – Wie die NASA planlos Geld verschwendet
> Kontrolle 1 – Kontrolle
> Kontrolle 2 – Ektoplasmaschinen: Der Text der Welt als Angstpop

> Ordnung 1 – Die Erfahrung des Faktischen
> Ordnung 2 – 2cornot2c.God rides a Flying Saucer – Das UFO als Religionenstifter
> Ordnung 3 – Dossiers – Dossiers
> Raumzeit 1 – "Noch fließt der alte Brunnen."
> Raumzeit 2 – Hotspots – Die irdischen Reiche
> Raumzeit 3 – "Eine hohle Welt ist unser Gott"
> Raumzeit 31 – Unvollständige Liste der Eingänge in die hohle Welt
> Raumzeit 32 – Die verlorenen Städte, Länder, Kontinente
> Raumzeit 33 – Expeditionen
> Software 1 – "Atlantis ist weit." – Literaturverzeichnis
> Software 2 – "Es heißt UFOs ..." – Musikverzeichnis
> Verdichtung 1 – Unsichtbarer Adler
> Verdichtung 2 – Jenseitsflugmaschine
> Verdichtung 21 – Schwarz Braun Metallik – Gesamtschau "reichsdeutscher Flugscheiben"
> Verdichtung 3 – Mythomatik – Theorie und szenische Lesung
> Verdichtung 4 – Licht – Dämonische Leinwand: rewind
> Verdichtung 5 – Projektleitung – UFOs in Hollywood
> Zeitraum 1 – Historia Gaga – Abkünfte unbekannter Flugobjekte
> Zeitraum 2 – E.T ≠ Emerging Technology
> Zeitraum 3 – Prognosen – Prognosen ...
> Psychogeografie, -historie, -topologie
> Dokumentation wilder Schriften
> Physiognomik
> Psycholinguale Miniaturen, Sozio-Poetik, Stimmenhören
> RADIODEL
> Schultheiss-Komplex

> SIMULAZI!
Erratik Instituts Berlin > Home
> Einführung in die Allgemeine Erratik
> Erratische Architekturkritik
> Forschungsgruppe Materialermüdung
> Erratische Naturkritik
> Erratische Hubschrauberforschung

> Medienbeobachtung
> Erratische Weltaufklärungsarbeit
> Nicht lieferbare Titel
> Erratik Institut Jena