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Dossier O3312

Parsons, Jack


Die Liste fiktiver Titel für Filme oder science fiction paperbacks, die sich mit dem Nazi-Raketenflug in all seiner "Glorie als Wiege" der Weltraumfahrt beschäftigen, ist beliebig: "Volk ohne Weltraum" kommt sofort von ganz allein in den Sinn, gefolgt von "Arier sind vom Hundestern, Untermenschen vom Pluto" – "Adolf auf Aldebaran" oder "Rasserein im Schwanennebel" mögen sich vielleicht nicht sofort aufdrängen, ebensowenig wie etwa "Rakete zum Leichenhaus", bleiben aber naheliegend.

Dieser letzte Titel allerdings ist nicht fiktiv. Es gibt ihn wirklich. Er heißt im englischen Original von 1940 Rocket to the Morgue und handelt denn auch nicht vom feschen deutschen Raketenwissenschaftler (obwohl das in Retrospekt ganz gut passen würde), sondern von einem jungen Amerikaner namens Hugo Chantrelle, einem CalTech rocket scientist, von Forteana und Okkultismen besessen, der im wirklichen Leben besser bekannt war als John Marvel Whiteside Parsons, genannt Jack, aus Pasadena.

Rocket to the Morgue thematisiert frühzeitig den Weltenraum als Friedhof. Das ist, wie wir gesehen haben werden, ein deutsches Thema. Vielleicht hilft ein Witz ja weiter: "Warum wohl möchte jemand auf dem Mond begraben sein?" – "Na weil, da oben gibt's ja wenigstens keine Grabschändung."

Geschrieben hatte Rocket to the Morgue ein Soirée-Kumpel Parsons (unter dem Pseudonym Anthony Boucher). Parsons Soiréen in seinem Landhaus, der Parsonage, wurden gerne von teilweise berühmten Autoren frequentiert: Robert Heinlein, Ray Bradbury und Lafayette Ron Hubbard. Letzterer wird später die Sci-Fi-Religion Scientology gründen.

Die junge Autoren-Szene war fasziniert von der Tatsache, dass Parsons sich praktisch mit Problemen beschäftigte, denen sie sich nur in ihren Büchern widmeten. Auch Parsons schrieb Kurzgeschichten, bevorzugte aber generell seine grimoire.

Wernher von Braun sagte (wohl in einem schwachen Moment), dass Parsons, und nicht er (W.v.B.) der eigentliche Vater der amerikanischen Raumfahrt sei. Er (W.v.B.) konnte dann allerdings den ganzen Ruhm einstecken. Parsons nämlich war ein Quereinsteiger und Amateur, der sein Universitätsstudium abgebrochen hatte. Immerhin hatte er sich seit frühester Jugend mit Feststofftreibmitteln und Raketenstarts beschäftigt. Als "unorthodoxes Genie" war er für eine Weile höchster Geheimnisträger und half den Amerikanern, WK2 zu gewinnen. Aus der ramshackle-Einrichtung, in der Parsons seine Grundlagenforschungen betrieb, wurde später der Stolz der amerikanischen Triebwerksforschung, die Jet Propulsion Laboratories. Parsons gründete zudem die Aerojet Corporation, welche die Feststoff-Booster produzierte, mit denen bis 2010 das Space Shuttle in den Orbit stieg.

Jack Parsons liebte Comics. Zudem war er ein Spieler, Sci-Fi-Freak, Satanist und Okkultist. Bereits in den 30ern war er von Aleister Crowley zum Magister Templi der Agape-Loge des > O.T.O. befördert worden.


Schöpfung: tätig (immer)

Wo Dr. von Braun davon sprach, dass "die Wissenschaft Kontrolle über die Kräfte der uns umgebenden Natur auszuüben sucht, kontrolliert das Christentum die Kräfte der Natur, die sich in uns befinden", rezitierte Parsons die Invocation of the Bornless One aus dem Gedächtnis, und er entäußerte sich henochisch.

Parsons war ein Anti-von-Braun, ein Rebell des Geistes, der Freiheit des Denkens, des Stolzes, der Sinne. Seine Babalon workings sollten – ja, mussten! – ihm ein Dimensionentor öffnen, um die "große scharlachrote Frau" hereinzulassen, in die Parsons schon jetzt (zwar nicht unsterblich, wie man sehen wird, aber immerhin) mit Haut und Haaren verliebt war: Babalon, reitend auf einer feurigen Kampfkatze und gefolgt von ihren schwarzen Gefährten. Mit ihr will Parsons ein moonchild zeugen und vielleicht die Christenheit besiegen, mitsamt "ihrem Hass auf alles, was den wahren Menschen ausmacht". So sah John Marvel Whiteside Parsons das.

Crowley mochte Parsons, der 33 Jahre alt war, als er den Schwur über den Abgrund tat. Crowley selbst war vierunddreißig gewesen, als er es versucht hatte. Der Briefkontakt zwischen den beiden war rege. Aber Crowley witterte auch Unheil. In seinen Worten war Parsons ein "schwacher Narr, der sich von einem Hochstapler reinlegen lässt". Crowley, den Parsons "Vater" nannte, bezog sich da auf Hubbard, der sich Parsons zunächst als scribe angedient hatte, ihm dann jedoch die Frau ausspannte und sich mit ihr und Parsons Geld aus dem Staub machte. (Auch die Geschichte der Magie wiederholt sich: Edward Kelly war scribe des John Dee, als er diesem Frau und Geld stahl).

Parsons magische Arbeiten waren wie seine Treibstoffexperimente riskant, wurden häufig unter nur geringen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt. Vielleicht war er todessehnsüchtig. Gewiss ist: Er arbeitete unter großen persönlichen Verlusten gegen die Schwerkraft. Seine Vision galt neben aller Erlösungsproblematik dem Mond, der scharlachroten Dame und dem All.


Sex and Rockets – Ways into New Worlds

Getrieben, sehnsüchtig und verzweifelt verstrickt Parsons sich tief in sein okkultes Bohemia. "Als ich an dem Raum vorbeiging, in dem Parsons seine Anrufungen vorzunehmen pflegte, stand die Tür offen. Ich hörte ein undefinierbares Geräusch, das mich sofort erschauern ließ. Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass es Jack war. Ich hatte so etwas nie gehört. Es war unheimlich." Babalon hat ihn fest im Griff.

Doch obwohl die Raketentreibstoff-Arbeiten erfolgreich sind (die von Parsons entwickelten Schub-Kanister für Flugzeug-Kurzstreckenstarts sind heute Standard, JATO = Jet Assisted Take Off). Parsons eine neue Geliebte findet ("Babalon hat sich jetzt manifestiert") und er glaubt, die Zeugung des Mondkindes stünde unmittelbar bevor, läuft alles auseinander. Eine Gerüchtekampagne und sein irrationales Verhalten dem US-Sicherheitsapparat gegenüber führen dazu, dass er der Spionage verdächtigt wird und ihm der Geheimnisträgerstatus aberkannt wird. Crowley schreibt schließlich, Parsons Berichte über das Fortschreiten des magischen Projektes kommentierend: "Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon er spricht." Parsons scribe hatte bereits sechs Jahre zuvor gechannelt: "Babalon ist die Flamme des Lebens, die Kraft der Dunkelheit. (…) Sie wird dich verzehren, auf dass du eine lebendige Flamme sein wirst bei ihrer Ankunft." Danach, so berichtet Parsons in seiner grimoire, sei der Ex-Marinesoldat Hubbard "blass und verschwitzt" gewesen.

Am 17. Juni 1952 kommt Jack Parsons bei einer Explosion in seinem Labor ums Leben. Die Ursachen sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Vielleicht ist ihm aus schweißnassen Händen eine brisante Mixtur entglitten. Seine Überreste werden kremiert, die Asche in der Mojave verstreut. Seine NASA-Kollegen benennen einen Mondkrater nach ihm, bezeichnenderweise auf der dunklen Seite des Mondes.
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